Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



02. Januar 2011, von Michael Schöfer
Mieses Schauspiel


Die wegen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung verurteilte Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani durfte an diesem Wochenende kurz das Gefängnis verlassen, um eine bizarre Pressekonferenz zu geben. Sie werde, kündigte Aschtiani an, die beiden Journalisten der "Bild am Sonntag" verklagen, weil sie ihrer Aussage zufolge "Schande über mich und das Land gebracht haben". Verklagen will sie auch "ihren ehemaligen Anwalt Mohammed Mostafaie, den Mörder ihres Ehemannes, Issa Taheri, sowie die in Deutschland lebende Sprecherin des Komitees gegen die Steinigung, Mina Ahadi. (...) 'Ich trete aus eigenem Willen vor die Kameras, um zu der Welt zu sprechen', sagte die 43-Jährige, die seit 2006 in Haft sitzt." [1] Die deutschen Reporter Marcus Hellwig und Jens Koch waren im Oktober ohne Journalisten-Visum in den Iran eingereist, weil sie Aschtianis Sohn interviewen wollen. Dabei wurden sie, der Anwalt der Iranerin und deren Sohn verhaftet.

Glaubt die iranische Führung wirklich, damit durchzukommen? Glaubt sie wirklich, die Welt würde auf dieses miese Schauspiel hereinfallen? Dass das Ganze eine abgekartete Sache ist, merkt doch jedes Kind. Natürlich steht Aschtiani, schon allein wegen des ergangenen Todesurteils, unter erheblichem Druck. Und offenbar ist sie gewillt, das makabere Spiel der Staatsmacht mitzuspielen, um dadurch womöglich ihr Leben zu retten. Wer will ihr das vorwerfen? Niemand. Aber genauso wenig glaubt irgendjemand daran, Aschtiani könnte tatsächlich meinen, was sie vor der versammelten Weltpresse gesagt hat. Aschtiani tut lediglich, was die Machthaber von ihr erwarten. Bekanntlich wird im Iran systematisch gefoltert. Und wenn Personen öffentlich zur Schau gestellt und zu absolut unglaubwürdigen Beschuldigungen genötigt werden, erinnert das eher an die peinlichen Schauprozesse, die Diktaturen schon seit eh und je lieben. Peinlich für die Machthaber, versteht sich. Für die auf diese Art und Weise Erniedrigten empfindet man dagegen Mitleid. Aschtianis Bekenntnis hätte genauso gut ins stalinistische Russland gepasst. Wie verunsichert muss das iranische Regime sein, wenn es zu solchen Mitteln greift? Wie dumm dessen Büttel, wenn sie ein Stück aufführen, an das sie selbst kaum glauben können? Schließlich weiß nicht nur die Weltöffentlichkeit, dass sie angelogen wird, sondern auch der Urheber der Lüge. Nur Menschen mit hochgradigem Realitätsverlust glauben ihre eigenen Unwahrheiten. Dieser Schuss ging jedenfalls eindeutig nach hinten los. Die Schande, von der Aschtiani befehlsgemäß sprach, bleibt einzig und allein am Iran hängen.

----------

[1] Focus-Online vom 02.01.2011