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04. Januar 2011, von Michael Schöfer
Christenverfolgung nicht das eigentliche Problem


Der Anschlag in Ägypten, bei dem 21 koptische Christen ums Leben kamen, ist zweifellos schlimm. Und dass Christen in vielen islamischen Ländern zunehmend unter Druck stehen, ebenfalls. Doch der islamistische Terror sucht sich nicht bloß die christliche Minderheit als Zielscheibe heraus, sondern ist eine Gefahr für alle Menschen - nicht zuletzt für die Moslems selbst. So wurden zwar im Irak seit der militärischen Intervention der Amerikaner unstreitig viele Christen vertrieben, allerdings fallen dort auch die unterschiedlichen islamischen Strömungen (Schiiten, Sunniten etc.) und Volksgruppen übereinander her. So kam es etwa beim Aschura-Fest am 2. März 2004 zu einer verheerenden Anschlagserie, bei der 271 Tote und 393 Verletzte zu beklagen waren. Die Opfer waren überwiegend schiitische Gläubige. Drahtzieher der Anschläge soll nach Angaben der USA der Terrorist Abu Musab az-Zarqawi oder die Al-Qaida nahestehende kurdische Terrororganisation Ansar al Islam gewesen sein. [1]

Das Grundproblem in allen arabischen Staaten ist jedoch ein Islam, der nicht infrage gestellt werden darf, die despotische Herrschaft der Regierenden und die daraus resultierende gesellschaftliche Erstarrung. Das gilt auch für Ägypten. Der ägyptische Staatschef Mubarak regiert das permanent unter dem Ausnahmezustand stehende Land seit genau dreißig Jahren und lässt keine Bemühungen erkennen, demokratische Zustände anzustreben. Im Gegenteil, die Opposition wird systematisch behindert, die Medien sind einer strikten Zensur unterworfen, Blogger riskieren langjährige Haftstrafen, wenn sie sich kritisch über das Regime äußern. Kurzum, in Ägypten gibt es keine Meinungsfreiheit. Menschenrechtler sagen, Folter sei in Ägypten allgegenwärtig. Mehr als 18.000 Häftlinge befinden sich laut Amnesty International ohne Anklage in "Administrativhaft", einige von ihnen seit mehr als zehn Jahren. Zu alldem kommt noch die wirtschaftliche Lage hinzu: Ein Viertel der Ägypter lebt mit weniger als 2 US $ pro Tag unterhalb der Armutsgrenze, 28,6 Prozent aller über 14 Jahre alten Ägypter sind Analphabeten. Wie soll sich unter solchen Umständen eine säkulare Zivilgesellschaft entwickeln, die den Islamisten Grenzen setzt? So scheint es bloß zwei gegensätzliche Lager zu geben: das autokratische Establishment um Husni Mubarak und die Islamisten. Der Westen entscheidet sich in diesem Fall fürs angeblich kleinere Übel.

Um die eingesperrten Blogger, die gefolterten Oppositionellen und die ohne Anklage inhaftierten Menschen kümmern sich die westlichen Politiker kaum. Sie maulen erst, wenn koptische Christen oder ausländische Touristen Opfer von Anschlägen werden. "Wegen des Anschlags forderte die CSU eine Neuorientierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. 'Wir sollten unsere Entwicklungshilfe an der Frage ausrichten, ob in einem Land Christen vom Staat oder einer anderen Seite verfolgt werden', sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Stefan Müller. 'Es kann keine finanzielle Unterstützung für Länder geben, in denen Christen ihre Religion nicht ungehindert ausüben können.'" [2] Ein Sprecher des Entwicklungsministeriums verstieg sich zu der Äußerung, es handele sich bei der Behandlung der Kopten nicht um willentliche und systematische Menschenrechtsverletzungen. Gewissermaßen stimmt das sogar, von willentlichen und systematischen Menschenrechtsverletzungen sind nämlich alle Bürger Ägyptens betroffen. Doch darüber schweigt man sich im Westen aus.

Wir möchten gerne im Roten Meer baden, die historischen Stätten besuchen oder mit dem Schiff auf dem Nil entlangfahren. Wenn dabei keine Bomben explodieren und die koptischen Christen ebenfalls in Ruhe gelassen werden, ist uns das restliche Ägypten im Grunde vollkommen gleichgültig. Eine Ignoranz, die sich bitter rächt. In Ägypten sind daher nicht nur die religiösen Eiferer eine Plage, sondern mindestens genauso das autokratische Regime von Husni Mubarak. Anders ausgedrückt: Die Christenverfolgung ist nicht das eigentliche Problem.

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[1] Wikipedia, Geschichte des Irak, Aufständische Gruppen und Anschläge
[2] news.de vom 03.01.2011