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21. Januar 2011, von Michael Schöfer
Der Rivale


Das amerikanische Jahrhundert, und damit indirekt auch das europäische, neige sich seinem Ende entgegen, hört man allenthalben. Es heißt, mit dem 21. Jahrhundert beginne die Epoche Chinas. Das "Reich der Mitte" entwickle sich unaufhaltsam zum künftigen Hegemon. Viele haben beim Gedanken an die scheinbar zwangsläufig entstehende chinesische Dominanz ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Sogar zu Recht, zumindest wenn man die heutige Einstellung der chinesischen Machthaber zu Demokratie und Menschenrechten berücksichtigt.

China wird gerne als Land beschrieben, das mit aller Macht nach oben strebt und naturgemäß im Wettstreit mit dem Westen liegen wird. Viele haben dabei den "Kampf der Kulturen" (Samuel P. Huntington) im Hinterkopf. Der asiatische Riese trete die Menschenrechte mit Füßen und rüste permanent auf. Peking versuche, sich in der ganzen Welt den Zugang zu den für eine moderne Industrienation unverzichtbaren Rohstoffen zu sichern. Außerdem wolle es mit unsauberen Methoden westliche Schlüsselindustrien in den Griff bekommen und sich deren Technologien aneignen. Zu allem Überfluss haben die Schüler in Shanghai beim letzten Pisa-Test auch noch am besten abgeschnitten. Kurzum, China ängstigt uns. Wir fürchten uns vor dem eigenen Abstieg und vor zukünftiger Fremdbestimmung.

Chinas Gewicht wird zweifellos weiter wachsen. Doch auch dort kocht man nur mit Wasser. Die beeindruckenden Wachstumsraten (2010: 10,3 Prozent) lassen sich, jedenfalls unter Beibehaltung der heutigen Energieeffizienz, nicht endlos durchhalten. China wird irgendwann unweigerlich an seine Grenzen stoßen. Und man kann China natürlich auch aus einer anderen, weniger bedrohlichen Perspektive betrachten: "Zwar gehört das Wirtschaftsvolumen Chinas schon zu den größten der Welt. Gemessen am Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt belegt China mit seinen 1,3 Milliarden Menschen jedoch erst etwa die hundertste Stelle in der Welt. (…) Von den 1,3 Milliarden Chinesen sind 700 Millionen Bauern mit einem Jahreseinkommen von nur 800 bis 900 US-Dollar. Ferner leben noch 150 Millionen Chinesen unter dem von den Vereinten Nationen definierten Existenzstandard von einem Dollar pro Tag", betont Chinas Vize-Premier Li Keqiang. [1]

Dass China nach oben strebt und sich weltweit um Einflussvermehrung bemüht, ist im Grunde nichts Neues. Das sind nämlich genau die Methoden, mit denen in den vergangenen Jahrhunderten die Europäer und anschließend die Amerikaner groß geworden sind. In China erkennen wir somit lediglich unser Spiegelbild. Es dafür zu verurteilen, was wir bis heute selbst praktizieren, ist grotesk. Das, was China in bislang noch vergleichsweise zurückhaltender Form umsetzt, sind bloß die üblichen Mechanismen von Weltmachtpolitik. Die westliche Machtpolitik ist mittlerweile zwar subtiler geworden, aber, wie wir etwa im Irak sehen, nach wie vor mit enormer militärischer Aggression verbunden. Das Bild vom armen, unschuldigen Westen, der im Magen des chinesischen Drachen zu landen droht, ist falsch. Uns ärgert nur, dass in Asien ein potenter Rivale heranwächst, der unserer eigenen Hegemonialpolitik Grenzen setzen wird.

Aber selbst wenn das Bild vom armen, unschuldigen Westen stimmen würde, was ist denn die Alternative? China militärisch angreifen, bevor es unbesiegbar geworden ist? Das wäre bereits jetzt gleichbedeutend mit dem Weg in den Untergang und folglich nur etwas für irrationale Selbstmörder. China ökonomisch isolieren, zum Beispiel durch einen Boykott chinesischer Waren? Das Land ist fraglos auf seine riesigen Außenhandelsüberschüsse angewiesen, die chinesische Wirtschaft könnte deshalb bei einem Wirtschaftsboykott womöglich binnen kurzem kollabieren, freilich ist die wechselseitige Abhängigkeit dafür schon viel zu groß. Es ist beispielsweise äußerst ungewiss, ob es die Computerindustrie ohne chinesische Fabriken überhaupt noch gäbe, die meisten Bauteile tragen nämlich inzwischen den Aufkleber "Made in China".

Zur Einbindung Chinas gibt es m.E. keine realistische Alternative. Das heißt nicht, dabei kleinlaut auf unverzichtbare Prinzipien wie Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit etc. zu verzichten. Aber ähnlich wie beim Leitspruch "Wandel durch Annäherung" (Egon Bahr), der Willy Brandts Ostpolitik charakterisierte, sollte man heute in Bezug auf China auf die Losung "Wandel durch Handel" setzen. Gewiss, die Machthaber in Peking sind Autokraten, aber müssen sie es bis in alle Ewigkeit bleiben? Sie mögen in puncto Werte andere Vorstellungen haben, sind allerdings keine unberechenbaren Hasardeure. China kann sich zum gefährlichen Rivalen entwickeln, doch es kann auch zum Partner werden. Die Probleme, vor denen wir stehen, sind global. Daher wird es zwangsläufig nur eine globale, d.h. partnerschaftliche Lösung geben. Gegen China, gegen die USA, gegen Japan, gegen Russland, gegen Indien und gegen Europa wird es zum Beispiel keine Lösung beim Treibhauseffekt geben. China wird sich früher oder später daran beteiligen. Daran beteiligen müssen, denn es wird genauso von den negativen Auswirkungen betroffen sein. Vielleicht sogar noch schlimmer als wir Europäer.

Die Angst vor China ist nicht unbegründet, aber wir dürfen uns von ihr nicht lähmen lassen. Die Zukunft der europäischen Werte ist keineswegs düster. Und der ökonomische Niedergang des Westens ist mitnichten unausweichlich. Was ist denn mit unserer Kreativität? Während sich China beeilt, den Rückstand mit der Technologie des 20. Jahrhunderts aufzuholen, könnten wir bereits die Technologie des 21. Jahrhunderts realisieren (z.B. Solar-/Wasserstoffwirtschaft). Masse allein (1,3 Mrd. potentielle Konsumenten) ist keine Garantie für künftige Dominanz. Gleichwohl darf man das genauso wenig als Plädoyer fürs Nichtstun interpretieren, so dürfen wir uns über den gegenwärtigen Bildungsstand unserer Bevölkerung durchaus berechtigte Sorgen machen. Trotzdem sollten wir das Ganze mit etwas weniger Hysterie angehen.

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[1] Süddeutsche vom 05.01.2011