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23. Januar 2011, von Michael Schöfer
Baron Voreilig


Politiker dürfen keine Weicheier sein, entsprechend benehmen sie sich. Verteidigungsminister Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg mimt offenbar ebenfalls gerne den starken Max und lässt dabei schon einmal kurzentschlossen Untergebene über die Klinge springen. So hat Guttenberg, derzeit in Umfragen beliebtester Politiker Deutschlands, gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Verteidigungsminister Generalinspekteur Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert entlassen. Angeblich fühlte er sich nach der von Bundeswehr-Oberst Georg Klein befohlenen Bombardierung zweier Tanklaster in Afghanistan, bei der es zahlreiche Tote und Verletzte gab, nicht richtig informiert. Es blieben Widersprüche, gründlich aufgeklärt ist das Ganze bislang immer noch nicht - trotz eines Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags.

Wenige Monate danach war Brigadegeneral Henning Hars an der Reihe, Guttenberg entließ den General ohne Angabe von Gründen. Presseberichten zufolge hatte Hars einen kritischen Brief an den Minister geschrieben. "Darin fragte der 54-Jährige den CSU-Politiker unter anderem nach den Gründen für die Entlassung des obersten Soldaten der Bundeswehr im November 2009. Zudem wollte er von dem Minister wissen, warum er den umstrittenen Luftangriff auf zwei Tanklastzüge in der Nähe der Stadt Kundus im September 2009 zuerst als 'militärisch angemessen' und später als 'militärisch unangemessen' bezeichnet hatte." [1] Anstatt einer Antwort kam die Entlassungsverfügung.

Und nun schickt Guttenberg den Kommandanten des Segelschulschiffs "Gorch Fock" in die Wüste. Vor zwei Monaten kam auf der "Gorch Fock" eine Soldatin ums Leben, die 25-Jährige war aus der Takelage in 27 Metern Höhe auf das Schiffsdeck gestürzt. Jetzt machen Gerüchte über eine angebliche Meuterei von Kadetten bzw. Schikanen durch die Schiffsführung die Runde. Vier Offiziersanwärter sollen sich nach dem Tod der Kameradin geweigert haben, wieder in die Takelage zu klettern. Die Schiffsführung habe ihnen deshalb die Offizierseignung aberkannt. Es soll darüber hinaus zu weiteren Ungereimtheiten gekommen sein, als Vorwurf steht sogar sexuelle Belästigung im Raum.

Selbstverständlich müssen die Vorfälle auf dem zur Zeit in Argentinien ankernden Segelschulschiff aufgeklärt werden. Was allerdings bitter aufstößt, ist, dass die vierköpfige Untersuchungskommission der Bundeswehr erst am nächsten Donnerstag mit ihrer Arbeit beginnt. Der Verteidigungsminister hat also den Kapitän noch vor Beginn der Untersuchung abberufen. Äußerst merkwürdig, denn das kommt einer Vorverurteilung gleich. Geht es dem "Baron Voreilig" überhaupt um echte Aufklärung oder will er in der Öffentlichkeit bloß als durchsetzungsstark dastehen? Entweder weiß er etwas und lässt die Öffentlichkeit darüber im Ungewissen. Oder weiß nichts und opfert trotzdem einen Untergebenen. Rein prophylaktisch, versteht sich. Hauptsache der Minister bekommt gute Schlagzeilen.

Überraschende Entlassungen scheinen zum Führungsstil des Verteidigungsministers zu gehören. Ob diese freilich einem gesunden Arbeitsklima im Ministerium förderlich sind, darf bezweifelt werden. Wenn Untergebene befürchten müssen, beim geringsten Verdacht und ohne dass die Vorwürfe aufgeklärt sind, entlassen zu werden, sind sie vermutlich misstrauisch und übervorsichtig. Guttenberg züchtet sich so wahrscheinlich gezielt Ja-Sager heran. Doch ob er damit im Verteidigungsministerium auf Dauer zu guten Arbeitsergebnissen kommen wird, ist fraglich. Bislang sind zwar sämtliche Vorwürfe an "Baron Voreilig" folgenlos abgeprallt, das könnte sich jetzt jedoch ändern. Anstatt als vornehmer Adelsspross und Schwiegermutters Liebling zu gelten, droht der CSU-Politiker womöglich als substanzloser Sprücheklopfer zu enden. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Politiker durch unüberlegte Handlungen selbst entzaubert.

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[1] Die Zeit-Online vom 12.03.2010