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30. Januar 2011, von Michael Schöfer
Mögliche Zeitenwende


Tunesien steckt mitten in der Jasmin-Revolution, Präsident Zine el-Abidine Ben Ali ist unerwartet schnell ins saudi-arabische Exil geflüchtet. In Ägypten soll Präsident Husni Mubarak unbestätigten Gerüchten zufolge bereits seine Flucht planen, doch noch klammert sich das Regime an die Macht, lässt in den Städten Panzer auffahren und Kampfflugzeuge über Kairo patrouillieren. Auch im Jemen und in Jordanien gibt es mittlerweile Demonstrationen gegen die Regierenden. Die arabischen Völker scheinen ihre autoritären Kleptokraten endlich loswerden zu wollen. Das ist gut so, denn die korrupten Regime haben die Entwicklung hin zu einer demokratischen Zivilgesellschaft allzu lange verhindert. Vielleicht ist das in Arabien der langersehnte Anfang vom Ende der gesellschaftlichen Erstarrung. Die Betonung liegt auf "vielleicht".

Möglicherweise erleben wir gerade eine Zeitenwende, die nur mit dem Zusammenbruch des Kommunismus östlich der Elbe zu vergleichen ist. Vieles könnte sich zum Positiven ändern. Eine Mauer, wie in Berlin, muss dabei gar nicht fallen. Es sind geistige Mauern, die zu schleifen sind. Gewiss, die Zukunft ist höchst unsicher. Ob sich dort wirklich demokratische Strukturen herausbilden oder nur eine kleptokratische Elite die andere ablöst, bleibt bis auf weiteres offen. Ebenso die Frage, ob demnächst die Islamisten die Macht übernehmen. Wie auch immer, es wird jedenfalls Jahrzehnte dauern, sich aus den bisherigen Verhältnissen zu lösen. Doch die Araber sind, entgegen Thilo Sarrazins These, nicht per se dümmer als andere Völker. Die Menschen leiden dort lediglich unter miserablen ökonomischen Verhältnissen, weitverbreitetem Analphabetismus und religiöser Engstirnigkeit. Aber das kann sich jetzt ändern.

Der niedrige Altersdurchschnitt, in Ägypten beispielsweise nur 24 Jahre (zum Vergleich: Deutschland 43 Jahre), erscheint derzeit als Fluch, weil Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten fehlen. Er könnte allerdings auch eine Chance sein. Junge Menschen sind häufig innovativer als ältere, man muss sie nur richtig fördern. Die arabischen Staaten liegen im Sonnengürtel der Erde, ihnen steht folglich - ganz unabhängig von Erdöl- oder Erdgasvorkommen - Energie satt zur Verfügung. Mit anderen Worten: Sie sind geradezu prädestiniert für die künftige Solar-/Wasserstoff-Wirtschaft. Eine Zusammenarbeit mit Europa, Stichwort Desertec, könnte etliche ökonomische und damit soziale Probleme in Nordafrika und dem Nahen Osten lösen. Zumindest potentiell.

In der Vergangenheit hat sich der Westen, was die Einhaltung der Menschenrechte in den arabischen Staaten angeht, nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Wir haben den korrupten Eliten dort viel zu lange die Stange gehalten. Getreu dem berühmt-berüchtigten Motto Franklin Delano Roosevelts (1882-1945), der mit Blick auf den nicaraguanischen Diktator Somoza äußerte: "Ich weiß, dass er ein Hundesohn ist, aber wenigstens ist er unser Hundesohn." Doch damit sind wir offenkundig gescheitert. Jetzt kommt es vielmehr darauf an, das zarte Pflänzchen Demokratie beim Wachstum zu unterstützen. Wer weiterhin auf scheinbar verlässliche Kleptokraten setzt, spielt mit dem Feuer, er könnte nämlich dadurch am Ende tatsächlich die von vielen befürchteten Theokratien à la Iran ernten. Das, was sich momentan am südlichen Rand des Mittelmeeres tut, ist wahrscheinlich eine auf absehbare Zeit sich nie wieder bietende Gelegenheit. Wir sollten sie deshalb nicht leichtfertig verspielen.