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06. Februar 2011, von Michael Schöfer
Was wissen wir?


Nichts! Wir ahnen höchstens etwas. Selbst die sogenannten "Experten" sind völlig überrascht und ratlos. Wir wissen lediglich, dass Zeiten des Übergangs unsichere Zeiten sind.

Beispiel Französische Revolution: Als das Ancien Régime im Namen der Menschenrechte hinweggefegt wurde, wehte der Wind der Freiheit durch Europa. Was folgte, war der Terror der Jakobiner, die Napoleonischen Kriege und schließlich die Restauration. Gewiss, die "Sonnenkönige" hatten trotz allem endgültig abgedankt, aber die Verhältnisse verbesserten sich nur allmählich. Die Europäer erlebten noch viele dunkle Phasen und wateten dabei durch ein Meer von Blut.

Beispiel Iranische Revolution: Als der Schah Mohammad Reza Pahlavi 1979 vom Pfauenthron steigen musste, atmete die Welt spürbar auf. Viele wissen gar nicht, dass am Sturz des Schahs auch eine linke bürgerliche Opposition und marxistische Gruppen beteiligt waren. Die wurden allerdings von Ajatollah Chomeini und den Mullahs postwendend eliminiert oder ins Exil getrieben. Vielleicht hätte es auch anders kommen können. War die Islamische Republik unausweichlich? Wir wissen es nicht.

Heute ergeht es uns mit der Revolution in den arabischen Staaten genauso. Viele "Experten" dachten, das kleinere Übel (Autokraten wie Ben Ali oder Mubarak) hält uns wenigstens das größere Übel (die Islamisten) vom Leib. Deshalb hüllte man hierzulande über all die unschönen Dinge wie Folter und Pressezensur großzügig den Mantel des Schweigens. Doch die Autokraten waren nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Nun sind die gleichen "Experten" über den Aufstand der säkularen Opposition erstaunt. Eine Schicht, deren Existenz bislang häufig gar nicht zur Kenntnis genommen wurde. Wie stark sie ist? Wir wissen es nicht.

Der Westen ist bei den arabischen Völkern längst diskreditiert, so hat etwa die französische Außenministerin Michèle Alliot-Marie dem tunesischen Diktator noch kurz vor dessen Sturz polizeiliche Hilfe bei der Aufrechterhaltung der Ordnung angeboten. Mubarak gilt als Schoßhund der Amerikaner. Und sie haben recht, dem Westen waren Werte wie Demokratie und Menschenrechte egal. Hauptsache Stabilität. Der Versuch George W. Bushs, den Irakern mit Hilfe von Gewalt und Rechtlosigkeit Demokratie beizubringen, ging gründlich daneben. Heute plädieren Angela Merkel und Hillary Clinton mit dem besorgten Blick auf Kairo für einen "geordneten Übergang". Was immer das konkret heißen mag.

Doch Vorsicht, ob am Ende tatsächlich die säkulare Opposition siegen wird, ist offen. Die Muslimbruderschaft gibt sich zwar konziliant, könnte aber durchaus freie Wahlen gewinnen. Geht die Entwicklung dann eher in Richtung Gottesstaat, wie im Iran, oder in Richtung Modernisierung, wie in der Türkei? Wir wissen es nicht. Ob die - zumindest unter den gegenwärtigen Umständen - "Wunschkandidaten" des Westens, Mohammed el-Baradei und Amr Mussa, am Ende die Oberhand behalten, ist ebenso unsicher. Sicher ist, hinter den Kulissen wird ordentlich geschachert. Wem die Massen tatsächlich folgen, wird sich zeigen.

Die kulturellen Voraussetzungen für eine Demokratie nach westlichem Vorbild sind dort, gelinde gesagt, bescheiden. Demokratie ist, egal wie die Sache in Ägypten ausgeht, ein jahrzehntelanger, wenn nicht gar jahrhundertelanger Prozess. Wir Europäer müssten das eigentlich wissen. Diejenigen, die noch vor kurzem den Arabern generell absprachen, eine säkulare Demokratie aufzubauen, sprechen neuerdings gerne von der Facebook-Generation. Es bleiben allerdings Zweifel.

Offiziellen Angaben zufolge liegt die Analphabetenrate in Ägypten bei 26 Prozent [1], inoffizielle Quellen sprechen hingegen von 40 Prozent [2]. "Ein Viertel der Ägypter lebt mit weniger als 2 US $ pro Tag unterhalb der Armutsgrenze", behauptet die Deutsche Botschaft in Kairo. Andere sagen, dass "fast die Hälfte der Bevölkerung" unter der Armutsgrenze lebe. [3] "Etwa drei Viertel der 83 Millionen Einwohner Ägyptens werden einer wirtschaftlich definierten Unterschicht zugeordnet", liest man wiederum bei der Neuen Zürcher Zeitung [4]. Einigen wir uns darauf: Die Armut in Ägypten ist immens.

Inwieweit angesichts dessen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz überhaupt repräsentativ für die Bevölkerung sind, ist fraglich. Wir wissen es nicht, denn selbst unter "Experten" kursieren, wie man sieht, unterschiedliche Informationen. Zweifelsohne, in Ägypten existiert eine Facebook-Generation. Doch wie viele können sich weder Handy noch Computer leisten und rennen womöglich der Muslimbruderschaft hinterher? Ich kann mich nur wiederholen: Wir wissen es nicht. Eines ist jedenfalls gewiss: Mubarak soll weg. Darauf können sich alle verständigen.

Dennoch ist die Chance, jetzt endlich auch in den arabischen Staaten demokratische Verhältnisse zu schaffen, riesengroß. Obgleich der Westen in den Augen der Bevölkerung diskreditiert ist, können wir unter Umständen trotzdem dazu beitragen, den Wandel in die richtige Richtung zu lenken. Dabei weiterhin auf das bisherige Establishment zu setzen, das sich dann bloß hinter einer anderen Galionsfigur sammelt, wäre freilich extrem kurzsichtig. Der Wandel ist notwendig und unaufhaltsam. Es wäre töricht, wenn der Westen diese historische Chance durch eigenes Unvermögen verspielen sollte. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, umzudenken.

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[1] The Free Library vom 13.11.2009
[2] Swissinfo vom 06.02.2009
[3] Die Zeit-Online vom 02.02.2001
[4] Neue Zürcher Zeitung vom 04.02.2011