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22. April 2011, von Michael Schöfer
Jetzt wird Strom teurer...


...sagen die, die in der Vergangenheit gerne auf Atomstrom gesetzt haben. Schuld daran ist natürlich der Atomausstieg. Selbstverständlich unterschlagen sie dabei die staatliche Unterstützung, die die Kernenergie jahrzehntelang genossen hat. Laut Greenpeace wurde sie zwischen 1970 und 2010 auf Kosten des Steuerzahlers mit 196 Mrd. Euro subventioniert. [1] Die immensen Beträge für das bislang fehlende Endlager sind dabei noch gar nicht berücksichtigt, die kommen ja erst auf uns zu. Und wenn ein GAU passiert, steigen die Kosten schnell ins Astronomische. Auf Tepco, den Betreiber des havarierten Kernkraftwerks Fukushima, sollen nach Schätzungen von Analysten 130 Mrd. US-Dollar Schadenersatzansprüche zukommen. [2] Ob das wirklich ausreicht, ist fraglich. Wie dem auch sei, jedenfalls erwägt die japanische Regierung, Tepco vorübergehend zu verstaatlichen, um die Pleite des Energieversorgers zu verhindern. Die Kosten dieser Rettung trägt logischerweise der Steuerzahler. Billiger Atomstrom ist daher ebenso eine Legende wie das Märchen vom Restrisiko. Würde man alle Kosten tatsächlich auf den Strompreis umlegen, wäre Atomstrom sündhaft teuer.

Aber der Verbraucher kann sich schon jetzt selbst davon überzeugen, wie verlogen die Strompreisdiskussion ist. Der Strompreis meines Ökostromanbieters "Naturstrom" beträgt zur Zeit 21,25 Cent pro kWh, hinzu kommt ein monatlicher Grundpreis in Höhe von 7,95 Euro. Bei einem Verbrauch von 351 kWh habe ich für den letzten Abrechnungszeitraum (Februar 2010 bis Februar 2011) 169,99 Euro gezahlt. Ausweislich der Angaben zum Strommix (siehe Grafik) kommt der Strom von Naturstrom zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien.

Mein alter Stromversorger, die MVV Energie AG, verlangt momentan für "NovaStrom" 22,41 Cent pro kWh und einen monatlichen Grundpreis von 7,08 Euro. Bei der MVV, deren Strommix sich zu 57 Prozent aus fossilen Energieträgern und 15,9 Prozent aus Atomenergie speist (siehe Grafik), hätte ich demzufolge 163,65 Euro zahlen müssen - lediglich 6,34 Euro weniger, allerdings mit einem deutlich schlechteren Gewissen gegenüber der Umwelt. Beim "ClassicaStrom" der MVV, der gegenüber NovaStrom eine kürzere Vertragslaufzeit beinhaltet, hätte ich sogar 174,08 Euro und damit 4,09 Euro mehr gezahlt.


Naturstrom MVV NovaStrom MVV ClassicaStrom
Grundpreis/Monat 7,95 € 7,08 € 7,64 €
Cent/kWh 21,25 Cent 22,41 Cent 23,49 Cent
Kosten bei351 kWh 169,99 € 163,65 € 174,08 €
   
    

Wer annimmt, der Wechsel vom vermeintlich billigem Atomstrom zum angeblich viel teureren Strom aus Erneuerbaren Energien würde den Strompreis explodieren lassen, glaubt bloß der Propaganda der etablierten Stromversorger. Atomstrom ist, zumindest für den Endverbraucher, keineswegs billiger. Was sich durch den Atomausstieg verringern könnte, sind die Gewinne von RWE & Co. Doch mit denen haben die großen Energieversorger in der Vergangenheit noch nicht einmal dafür gesorgt, dass das Stromnetz entsprechend den künftigen Anforderungen ausgebaut wird, kassiert haben vielmehr die Aktionäre. Der Geschäftsbericht von RWE [PDF-Datei mit 572 kb] weist für 2010 einen Jahresüberschuss von 2,520 Mrd. Euro aus, an Dividenden wurden 1,867 Mrd. Euro ausgeschüttet (3,50 Euro je Aktie). Wenn der Strompreis drastisch angehoben wird, dann um die Gewinnmarge zu halten. Das hat freilich mit dem Atomausstieg überhaupt nichts zu tun.

Die längst abgeschriebenen Atommeiler sind wahre Gelddruckmaschinen, durch dezentral organisierte erneuerbare Energieträger befürchten die Energieversorger den Verlust ihrer faktischen Monopolstellung. Daher standen sie bislang, was den Ausbau der Erneuerbaren angeht, eher auf dem Bremspedal. Nun, nach Fukushima, rächt sich das.

Natürlich gibt es den Umstieg nicht zum Nulltarif, die Kosten dürften sich dennoch in Grenzen halten: "Zwischen 15 und 25 Milliarden Euro scheinen für einen Zeitraum bis 2015 nicht unrealistisch zu sein." [3] "Im vergangenen Jahr haben drei Institute im Auftrag der Regierung die Kosten des Atomausstiegs berechnet und damit verglichen, welche Stromkosten bei einer Laufzeitverlängerung entstehen würden. Fazit: Wird der unter Rot-Grün ausgehandelte Ausstiegskonsens umgesetzt, liegt die zusätzliche Belastung für private Haushalte bei unter einem Cent je Kilowattstunde Strom. Eine vierköpfige Familie mit einem geschätzten Verbrauch von 4000 Kilowattstunden müsste dann 40 Euro mehr im Jahr bezahlen. Auch wenn höhere Schätzungen berücksichtigt werden (das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung geht von 200 bis 240 Euro pro Jahr aus), dann handelt es sich angesichts eines der größten industriepolitischen Projekte der vergangenen Jahrzehnte immer noch um kleine Summen." [4] Das sind im Vergleich zu den Kosten der Rettung der Banken oder des Euro buchstäblich Peanuts. Es ist ohnehin offen, ob der Atomausstieg allein von den Stromkunden getragen werden soll. Die Lösung dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe könnte man wenigstens zum Teil auch über Steuern finanzieren.

Was wäre zu alldem die Alternative? Die Alternative wäre, die Atommeiler wie von Schwarz-Gelb ursprünglich vorgesehen länger laufen zu lassen und eine mögliche Havarie in Kauf zu nehmen. Die 20-km-Zone um Fukushima, die wahrscheinlich auf Generationen hinaus unbewohnbar sein wird, würde auf Deutschland übertragen Folgendes bedeuten: Im weiteren Umkreis um das Kernkraftwerk Biblis liegen die Städte Darmstadt (143.332 Einwohner, Entfernung 25,4 km), Mannheim (311.969 Einwohner, Entfernung 22,3 km), Ludwigshafen (163.340 Einwohner, Entfernung 22,6 km), Worms (81.784 Einwohner, Entfernung 8,9 km), Frankenthal (46.874 Einwohner, Entfernung 17,4 km) und Weinheim (43.627 Einwohner, Entfernung 21,4 km). Steht der Wind ungünstig, könnten sogar das 50 km entfernte Frankfurt am Main (671.927 Einwohner), das 47 km entfernte Wiesbaden (277.493 Einwohner) oder das 37 km entfernte Mainz (197.778 Einwohner) betroffen sein. [5] Von den zahlreichen kleineren Gemeinden dazwischen ganz zu schweigen. Will man die alle evakuieren? Und wenn ja, wie bzw. wohin?

Ich glaube, die Bevölkerung hat sich inzwischen entschieden. Laut einer Umfrage für das ZDF-Politbarometer sprachen sich 60 Prozent der Befragten für ein schnelles Abschalten der Atommeiler aus, 24 Prozent sind für einen Ausstieg bis 2021 und nur 14 Prozent für die Laufzeitverlängerung bis 2035 (Politbarometer vom 14.03.2011). 72 Prozent sind überdies dafür, auch dann auszusteigen, wenn andere europäische Länder an der Kernenergie festhalten (Politbarometer vom 15.04.2011). Eindeutige Ergebnisse. Es geht folglich in puncto Atomausstieg nicht um das Ob, sondern bloß noch um das Wie. Und von Panikmache sollten wir uns dabei nicht irritieren lassen.

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[1] Focus-Online vom 17.04.2011
[2] Reuters vom 13.04.2011
[3] Stromsparer.de vom 18.04.2011
[4] Die Zeit-Online vom 18.04.2010
[5] Einwohner Wikipedia, Entfernung Luftlinie.org