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18. Mai 2011, von Michael Schöfer
Es geht um Profitinteressen


"Die Deutschen sollen nach den Vorstellungen der fünf Wirtschaftsweisen nicht mit 67 in Rente gehen, sondern noch zwei Jahre dranhängen. Um die Schulden des Staates in Schach zu halten, werde in den Jahren 2045 und 2060 'vermutlich ein gesetzliches Renteneintrittsalter von 68 beziehungsweise 69 Jahren erforderlich sein'. (…) Ohne Konsolidierung läge die Schuldenstandsquote des Staats 2060 bei etwa 270 Prozent der Wirtschaftsleistung, mit massiven Verteilungsproblemen zulasten künftiger Generationen." [1]

Woher die Wirtschaftswissenschaftler den Mut für solche Langzeitprognosen nehmen, ist vollkommen schleierhaft. Zum Vergleich: Die Sowjetunion, die gab es damals tatsächlich noch, schickte vor fünfzig Jahren (1961) den ersten Menschen ins All: Juri Gagarin. In den USA wurde gerade ein gewisser John F. Kennedy als Präsident vereidigt, im geteilten Deutschland begann die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer und am Checkpoint Charlie standen sich sowjetische und amerikanische Panzer schussbereit gegenüber. Konrad Adenauer wurde zum dritten Mal als Bundeskanzler wiedergewählt, im gleichen Jahr kam hierzulande die Antibabypille auf den Markt. Die ARD sendete erstmals zwei Programme, woraus sich später das ZDF entwickelte. In Bayern ging das erste Kernkraftwerk Deutschlands ans Netz und der Biochemiker Heinrich Matthaei entschlüsselte den genetischen Code. Barack Obama erblickte 1961 ebenso das Licht der Welt wie die jetzige Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft. Angela Dorothea Kasner, später Merkel, wurde 1961 im zarten Alter von sieben Jahren an der Polytechnischen Oberschule in Templin eingeschult. Übrigens: Zwei Mitglieder des "Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" (vulgo: Wirtschaftsweise), Christoph M. Schmidt und Beatrice Weder di Mauro, waren zu dieser Zeit noch nicht einmal geboren. Weltweit existierten ganze 7.300 Computer. Die Firma Digital Equipment Corporation (DEC) brachte den ersten "Minicomputer" (PDP-1) zum Sensationspreis von 120.000 US-Dollar auf den Markt, er war so groß wie zwei Kühlschränke und hatte Transistor-Schaltungen anstatt der bis dato üblichen Vakuumröhren. Standardspeicher: 4.096 Speicherworte. Als Computer-Speichermedium dominierte noch die Lochkarte.

Seitdem hat sich zweifellos vieles verändert. Und das meiste davon hätte 1961 niemand vorhergesehen. Mit anderen Worten: Jetzt schon zu wissen, dass wir im Jahr 2060 unbedingt bis 69 arbeiten müssen, weil andernfalls das Sozialsystem nicht mehr zu bezahlen sei, darf man getrost als Humbug bezeichnen. Die ökonomische Entwicklung 50 Jahre im Voraus prognostizieren zu wollen, ist zudem ziemlich dreist. Die Wirtschaftswissenschaft konnte ja noch nicht einmal die aktuelle Finanzkrise vorhersagen, wagt sich aber dennoch von allem völlig unbelastet an Prognosen für das Jahr 2060. Ein bisschen mehr Bescheidenheit wäre angebrachter. Was ist zum Beispiel, wenn bis dahin humanoide Arbeits- und Haushaltsroboter den Großteil der manuellen Tätigkeiten übernehmen? Wenn die Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz den Menschen Zeitsouveränität und Müßiggang verschaffen und die 10-Stunden-Woche Wirklichkeit werden lassen? Arbeiten bis 69? Gar nicht notwendig! Utopisch? Das waren Herztransplantationen 1961 auch, heute sind sie längst Routine (laut Wikipedia wurden von 1967 bis zum 30. Juni 2007 weltweit 80.106 Herztransplantationen durchgeführt).

Es geht im Grunde bei den Aussagen der Wirtschaftsweisen auch nicht um echte Prognosen. Es geht vielmehr darum, die wissenschaftlich verbrämte Begründung für weiteren Sozialabbau zu liefern. Jens Berger hat kürzlich auf den NachDenkSeiten das Muster derartiger Gefälligkeitsgutachten am Beispiel von Bernd Raffelhüschens Warnung vor dem Zusammenbruch der Pflegeversicherung dargestellt (Bernd Raffelhüschen bläst zur Lobbyisten-Polka). Im Grunde geht es bei alledem nur um die Profitinteressen bestimmter Kreise, denen der Weg geebnet werden soll. Und, wie wir am klassischen Beispiel "Riester-Rente" sehen, es funktioniert sogar: Katastrophe vorhersagen, Sozialleistungen kürzen, private Vorsorge empfehlen. Das ist des Pudels Kern. Manche reiben sich bestimmt schon die Hände.

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[1] Focus-Online vom 18.05.2011