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04. Juni 2011, von Michael Schöfer
The Show must go on


Beim Sport geht es meist nur noch ums Geschäft. Und wo es viel Geld zu verdienen gibt, sind grenzenlose Gier und schamloser Betrug nicht weit. Profiradfahrer dopen, damit sie in Mopedgeschwindigkeit die Berge der Alpen oder Pyrenäen erklimmen können. Wer auf unlautere Mittel verzichtet, fährt hinterher. Deshalb dürfte es nur wenig wirklich saubere Pedalritter geben. Der Weltfußballverband (FIFA) wiederum versinkt augenscheinlich bis zu den Haarspitzen im Bestechungssumpf und wird neuerdings sogar mit der Mafia verglichen. Äußerst passend: Wie die Mafia nennt sich die FIFA gerne "Familie". [1] Eine "ehrenwerte Gesellschaft" eben.

Wenn es ums Geld geht, gehört der Formel 1-Zirkus unbestritten zur Königsklasse. Deren Chef, Bernie Ecclestone, lässt zwar schon mal Sympathien für Hitler durchblicken, hat es aber trotzdem zum Multimilliardär gebracht. Jetzt will der Automobil-Weltverband (FIA) den Anfang des Jahres aus politischen Gründen abgesagten "Großen Preis von Bahrain" am 30. Oktober nachholen lassen. Damals gab es in Bahrain, wie in vielen anderen arabischen Staaten, massive Proteste der Bevölkerung gegen den autokratischen Herrscher. Doch König Hamad bin Isa Al Chalifa ließ auf die Demonstranten schießen und unterdrückte mit Hilfe saudischer Truppen das eigene Volk.

"Es gibt dort viele nette Leute", meint Ecclestone heute. Der Formel 1-Boss hatte erwogen, das Rennen erst im Dezember nachholen zu lassen, doch die Rennteams protestieren. Nein, nicht wegen der blutigen Unterdrückung der Bahrainis, sondern bloß wegen der Arbeitsbelastung der eigenen Leute. "'Es wird zu viel', sagte Mercedes-Teamchef Ross Brawn: 'Unsere Jungs arbeiten seit Januar und hätten dann bis Weihnachten keine Zeit für Urlaub. Das ist nicht akzeptabel.'" [2] In der Tat, nicht akzeptabel. Menschenrechtsverletzungen sind offenbar zweitrangig, Hauptsache man bekommt den wohlverdienten Urlaub. Der 30. Oktober ist Ross Brawns Jungs hoffentlich angenehm. "Geld stinkt nicht", das wussten schon die Römer.

In der Rennserie sind die Maßstäbe ohnehin anders. Als beispielsweise Roger Williamson am 29.07.1973 beim Formel 1-Grand Prix in Zandvoort/Niederlande qualvoll in seinem auf dem Kopf liegenden Rennwagen verbrannte [3], hat Niki Lauda auf die Frage, warum er nicht angehalten und geholfen habe, kaltschnäuzig geantwortet: "Ich werde fürs Fahren bezahlt, nicht fürs Parken." [4] In einem solchen Umfeld fallen ein paar erschossene Demonstranten einfach nicht ins Gewicht, immerhin geht es um Millionen. Und schließlich könnte der gute Bernie Ecclesstone ohne die Einnahmen aus Bahrain am Bettelstab landen. Liebe Leser, Sie werden jetzt bestimmt einsehen: The Show MUST go on.

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[1] siehe etwa Badische Zeitung vom 03.06.2011
[2] Der Standard vom 31.05.2011
[3] Wikipedia, Roger Williamson, Unfalltod 1973
[4] Der Spiegel vom 18.01.1982