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10. Juli 2011, von Michael Schöfer
Altersweise oder bloß alt?


Manche bezeichnen die Bücher des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass als ziemlich langweilig. Ihm sei nur ein einziges Werk richtig gelungen, behaupten sie: Die Blechtrommel. Kurzum: Sie halten ihn für total überbewertet. In den Augen anderer ist Grass ein großer Schriftsteller und hat seine zahlreichen Auszeichnungen sehr wohl verdient. Nun ist Literatur bekanntlich eine Geschmacksfrage, und zum Glück sind die Geschmäcker verschieden. Was tatsächlich zutrifft, lasse ich demzufolge bewusst offen, darüber soll sich jeder seine eigene Meinung bilden. Literaten sind allerdings nicht bloß Literaten, sondern zählen zuweilen auch zur Gattung "Homo politicus" (der politisch tätige Mensch). Grass ist als Unterstützer der SPD in Erscheinung getreten, vorübergehend war er sogar bei den Sozialdemokraten Mitglied.

Schon seit einiger Zeit frage ich mich, ob der Schriftsteller, Jahrgang 1927, altersweise oder lediglich alt geworden ist. Nimmt man seine Äußerungen auf der Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche zum Maßstab, tendiert man bei der Beurteilung eher zu Letzterem. Der Journalismus stehe, schimpft Grass, "im Bündnis mit den herrschenden Verhältnissen. Er tritt der Vormacht der sich zu einer Parallelgesellschaft formierenden Bankenvorstände und Großaktionäre nicht mannhaft entgegen, sondern spielt deren Spiel weitgehend mit." Tendiert bloß der Journalismus zum "Bündnis mit den herrschenden Verhältnissen"? Der Literat echauffiert sich darüber hinaus über die gesellschaftliche Realität: "Das Auseinanderdriften in eine Klassengesellschaft mit verarmender Mehrheit und sich absondernder reicher Oberschicht, der Schuldenberg, dessen Gipfel mittlerweile von einer Wolke aus Nullen verhüllt ist, die Unfähigkeit und dargestellte Ohnmacht freigewählter Parlamentarier gegenüber der geballten Macht der Interessenverbände und nicht zuletzt der Würgegriff der Banken machen aus meiner Sicht die Notwendigkeit vordringlich, etwas bislang Unaussprechliches zu tun, nämlich die Systemfrage zu stellen." [1]

Man würde Grass seine revolutionäre Attitüde sogar abkaufen, wäre man nicht von früheren Äußerungen, die das genaue Gegenteil zum Ziel hatten, aufs Höchste irritiert. 2004 unterzeichnete er zum Beispiel die Anzeige "Auch wir sind das Volk" [2], die damals in mehreren deutschen Tageszeitungen erschienen ist. "Die unter dem Angst machenden und abschreckenden Schlagwort Hartz IV beschlossenen Änderungen in der Arbeitslosen- und Sozialhilfe sind überlebensnotwendig für den Standort Deutschland", hieß es dort. Millionäre plädierten darin für eine Ausweitung der Armut: "Die Stunde der Wahrheit" sei schmerzlich, schrieben der Nation ins Stammbuch. Das galt freilich nicht für sie, den Unterzeichnern ging es ja unter Schröder immer besser. Sie zogen es vor, dieses Faktum zu verschweigen. Wie wir heute wissen, waren die Hartz-Reformen in Deutschland mitverantwortlich für "das Auseinanderdriften in eine Klassengesellschaft mit verarmender Mehrheit und sich absondernder reicher Oberschicht". Denn das, was Grass 2004 befürwortete, bedeutete u.a. eine gnadenlose Ausweitung der Leiharbeit und des Niedriglohnsektors.

2003, das Jahr, in dem die Regierung Schröder das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) in wesentlichen Punkten geändert hat, gab es hierzulande 297.000 Zeitarbeitnehmer (= 1,1 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten). [3] Im April 2011 waren es schon 773.200 (= 2,7 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten). [4] Die Branche selbst, der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP), spricht gar von 873.000. [5] Der Anteil der Zeitarbeiter hat sich also seit 2003 mehr als verdoppelt. Tendenz: weiterhin stark steigend.

2009 lag in Deutschland gut ein Fünftel der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten unterhalb der Niedriglohnschwelle: "Die Niedriglohnschwelle beträgt in Westdeutschland 1.870 Euro und in Ostdeutschland 1.367 Euro." Brutto, wohlgemerkt. "In Westdeutschland erzielen 20,2% und in Ostdeutschland 21,3% der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten Arbeitsentgelte unter der jeweiligen Niedriglohnschwelle." Und: "Die Bedeutung des Niedriglohnbereichs hat seit 1999 merklich zugenommen. Der Anteil der Beschäftigten mit Arbeitsentgelten unter der jeweiligen Niedriglohnschwelle hat sich zwischen 1999 und 2009 von 16,6% auf 20,2% (Westdeutschland) bzw. von 17,9% auf 21,3% (Ostdeutschland) erhöht." [6]

Noch eine letzte Statistik: Die Zahl der erwerbstätigen Hartz IV-Bezieher ist im Februar 2011 auf 1,334 Millionen gestiegen. Immerhin 336.566 davon arbeiteten in Vollzeit (Stand: November 2010, neuere Daten liegen nicht vor). [7] 40 Stunden Arbeit für 'nen Appel und ein Ei. Skandalös!

Nur zur Erinnerung: Rot-Grün regierte vom 27. Oktober 1998 bis zum 18. Oktober 2005. Und die von Grass unterstützte SPD durfte anschließend noch als Juniorpartner der Union bis zum 28. Oktober 2009 mitregieren. In diese Zeit fiel auch die weitere Deregulierung des Finanzstandorts Deutschland. Eine kleine Übersicht findet man auf der Website des Bundesfinanzministeriums. Es ist dem Ministerium offenbar bis heute nicht einmal peinlich, an der Entstehung der Finanzkrise nach Kräften mitgewirkt zu haben. Kurios: Einer der Hauptverantwortlichen, Peer Steinbrück (SPD, von 1998 bis 2000 Wirtschaftsminister in NRW, von 2000 bis 2002 Finanzminister, danach bis 2005 Ministerpräsident und anschließend bis 2009 Bundesfinanzminister), ist momentan der beliebteste Politiker Deutschlands und spielt seinem früheren Handeln zum Trotz mit Vorliebe die Rolle des schonungslosen Kritikers des Finanzsektors. Glaubwürdig ist das kaum.

Wer hat folglich das von Grass beklagte Spiel der Bankenvorstände und der Großaktionäre mitgespielt? Genau: die Sozis! Günter Grass ebenfalls. Und jetzt, während das von ihm einst forcierte Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich wesentlich stärker geworden ist, prangert er lautstark die Folgen an. Ausgerechnet er. Das lässt sicherlich nicht auf Altersweisheit schließen, Grass wirkt eher politisch desorientiert. So desorientiert wie seine Parteigenossen.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 09.07.2011
[2] NachDenkSeiten, PDF-Datei mit 18 kb
[3] Bundesagentur für Arbeit, Der Arbeitsmarkt in Deutschland Januar 2011, Seite 19, PDF-Datei mit 234 kb
[4] Bundesagentur für Arbeit, Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland Juni 2011, Seite 55, PDF-Datei mit 1,7 MB
[5] AFP vom 16.06.2011
[6] Bundesagentur für Arbeit, Beschäftigungsstatistik: Sozialversicherungspflichtige Bruttoarbeitsentgelte November 2010 , Seite 25, PDF-Datei mit 1,7 MB
[7] Bundesagentur für Arbeit, Erwerbstätige Arbeitslosengeld II-Bezieher - Deutschland mit Ländern und Kreisen - Februar 2011, Excel-Datei mit 2,7 MB