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13. August 2011, von Michael Schöfer
Dinosaurier


Heute vor 50 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut, die Gefängnismauer für die eigenen Bürger wurde von der DDR-Führung gerne als nach außen gerichtete Defensivmaßnahme verkauft ("antifaschistischer Schutzwall"). Schönfärberei war in der DDR ohnehin ein beliebtes Mittel der Machtausübung. Angeblich kämpfte sie für Frieden, Freiheit und Sozialismus, die Wahrheit sah allerdings ganz anders aus. Ihr "Sozialismus" stand in krassem Gegensatz zur Freiheit, nach der Definition Rosa Luxemburgs ("Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden") war sie daher gar nicht sozialistisch. Das wollen einige selbst mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR immer noch nicht wahrhaben, vielmehr wird dem untergegangenen Regime sichtlich nachgetrauert. Dinosaurier gibt es demzufolge nicht bloß in den auf die Kernkraft fixierten Konzernzentralen von RWE und Eon, sondern ebenso bei der linksradikalen "Jungen Welt".

Die hat nämlich, passend zum historischen Anlass, den Mauerbau gerechtfertigt: "Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke." [1] "Danke für 28 Jahre Friedenssicherung in Europa." Der "antifaschistische" oder "antiimperialistische Schutzwall" lebt in dieser wirren Gedankenwelt scheinbar ungebrochen fort. "Danke für für 28 Jahre ohne Hartz IV, Erwerbslosigkeit, Obdachlosigkeit, Suppenküchen" und "Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe". Bei aller berechtigten Kritik am Kapitalismus: Man fragt sich unwillkürlich, warum die DDR überhaupt untergegangen ist, wenn in ihr doch alles so viel besser war. "Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe" darf man wohl so verstehen, dass die "Junge Welt" den früheren Stasi-Knast in Berlin-Hohenschönhausen am liebsten immer noch in den Händen von Erich Mielke und Konsorten sehen würde. Zugegeben, eine bösartige Unterstellung meinerseits, aber so kann man diese Passage interpretieren.

Die "Junge Welt" ist bekannt dafür, alles und jeden zu rechtfertigen, solange es ihrem kruden Verständnis von Sozialismus dient. Hugo Chávez steht da in einer Reihe mit Fidel Castro. Aber zu dieser illustren Gesellschaft gesellen sich noch unappetitlichere Zeitgenossen, etwa der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar. Als dem die vorzeitige Haftentlassung verweigert wurde, schrieb das Blatt: "Christian Klar soll weiter in Haft gehalten werden, weil er seiner politischen Überzeugung treu geblieben ist, für eine bessere Welt zu kämpfen." [2] Will heißen: seiner sozialistischen Überzeugung. Offensichtlich rechtfertigt der Sozialismus, zumindest in den Augen der "Jungen Welt", jedes Verbrechen. Und Mörder werden von ihr quasi als Helden gefeiert. Hauptsache links.

Dabei müsste sogar der "Jungen Welt" der entscheidende Unterschied zu dem von ihr propagierten DDR- und Sozialismusbild auffallen: In der kapitalistischen Bundesrepublik darf sie weiterhin erscheinen, in der angeblich sozialistischen DDR durften die Bürger noch nicht einmal die "Frankfurter Rundschau" lesen. Vom "Spiegel" und von der Springer-Presse ganz zu schwiegen. In der DDR hätte ich für meine Website bestimmt ins Gefängnis gemusst, und die betont kapitalismuskritische Website "NachDenkSeiten" wäre (unterstellt, sie hätte der DDR genauso kritisch gegenübergestanden) wie in China hinter einer virtuellen Mauer verschwunden.

Wie gesagt, bei aller berechtigten Kritik am Kapitalismus: Ich lebe lieber in einem Land, in dem Pressefreiheit herrscht und das seine Bürger nicht mit "antiimperialistischen Schutzwällen" an der Bewegungsfreiheit hindert. Vor allem: In einem Land, in dem man Dinosaurier, wie beispielsweise den ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Stefan Mappus, durch Wahlen wieder los werden kann. Und natürlich in einem, das die Dinosaurier der "Jungen Welt" toleriert.

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[1] Junge Welt vom 13.08.2011
[2] Netzeitung vom 28.02.2007