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03. September 2011, von Michael Schöfer
Leute, seid Ihr naiv


Presseberichten zufolge sollen die Geheimdienste der USA und Großbritanniens eng mit dem libyschen Diktator Muammar el Gaddafi zusammengearbeitet haben. Und zwar in einer Zeit, als man ihn plötzlich nicht mehr "Diktator" nennen wollte. Jedenfalls nicht öffentlich. Damals bezeichnete man Gaddafi lieber als "Staatschef", "Revolutionsführer" oder "Machthaber". Gerhard Schröder und Tony Blair besuchten ihn in Tripolis. Und anschließend durfte er in Rom und in Paris Staatsbesuche machen, bei Sarkozy sogar ausgerechnet am 10. Dezember 2007, dem Welttag der Menschenrechte. Welch ein Hohn. Heute ist das natürlich nicht mehr notwendig. Jetzt ist er wieder, wie vor seiner "Rehabilitierung", der blutrünstige Diktator.

Die CIA hat angeblich "Terrorverdächtige zur Befragung nach Libyen geschickt und dafür Hilfe bei der Gefangennahme eines Oppositionellen zugesagt". Und "Großbritannien habe Gaddafis Spione mit Infos über libysche Oppositionelle im Exil versorgt". [1] Das ist selbstverständlich nur die halbe Wahrheit, denn gewiss haben auch andere westliche Geheimdienste mit Gaddafi eng zusammengearbeitet. Die Franzosen, die Italiener, die Deutschen etc. Und nicht nur mit Gaddafi, sondern auch mit Ben Ali (Tunesien), Mubarak (Ägypten) und all den anderen arabischen Despoten. Womöglich sogar mit Assad (Syrien). Das nennt man gemeinhin Realpolitik.

Überrascht Sie das? Leute, seid Ihr naiv. Was denkt Ihr, was hintenherum noch so alles läuft? Es würde Euch bestimmt anwidern. Moral ist bekanntlich nur eine Maske, die man den Fernsehkameras präsentiert. George W. Bush war bloß zu dumm dazu, sein wahres Ich zu verbergen, denn er ließ sich ungeschickterweise bei Willkür, Mord und Folter ertappen. Kurz gesagt, er hat es einfach ein bisschen übertrieben. Aber glauben Sie bloß nicht, die Methoden wären seit seinem Abgang grundlegend anders geworden. Offenkundig nicht, wie man am Beispiel Gaddafis sieht. Man darf gespannt sein, welche Dokumente noch ans Tageslicht kommen.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 03.09.2011