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05. August 2013, von Michael Schöfer
Fehlprognosen


Die Erneuerbaren Energien werden nie ausreichen, um fossile Energieträger zu ersetzen, hieß es früher. Heute schimpfen manche schon über ein Zuviel an Ökostrom. Ohne Kernkraftwerke wird es in Deutschland zu Stromausfällen kommen, prognostizierten die Berufspessimisten vor kurzem. Verheerende Blackouts wurden an die Wand gemalt. Reine Panikmache. Haben Sie nach der Atomkatastrophe in Fukushima und dem Abschalten von mehreren Atommeilern auch nur einen einzigen erlebt? Natürlich nicht, denn es gab keinen. Deutschland würde nach dem Atomausstieg unvermeidbar zum Stromimporteur und müsse kurioserweise in Frankreich massenhaft Atomstrom kaufen, warnten notorische Kernkraftbefürworter. Alles Humbug: "Nach den ersten fünf Monaten zeichnet sich für das Jahr 2013 ein neuer Rekordüberschuss bei den Stromexporten ab. In dem fast vollständig erfassten Zeitraum vom Januar bis Mai wurden bereits 30,79 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) Strom aus Deutschland in die europäischen Netze exportiert, aber nur 16,74 Mrd. kWh importiert. Daraus ergibt sich bereits jetzt ein Exportüberschuss in Höhe von 14,04 Mrd. kWh für die ersten fünf Monate 2013 (Jan-Mai 2012: 9,59 Mrd. kWh) (...). Das ist eine Steigerung um 46,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr", meldet IWR Online. [1]

Sogar die konservative Welt kann die Tatsachen nicht länger ignorieren und titelt: "Deutschland exportiert so viel Strom wie nie zuvor." [2] Ja, genau das Blatt, das uns sonst immer suggeriert, der Verzicht auf Atomkraft mache Strom unbezahlbar. Dabei drückt der rasch wachsende Anteil von Wind- und Solarenergie den Preis an der Leipziger Strombörse nach unten anstatt nach oben. Dass die meisten Stromkunden ständig mehr bezahlen müssen, hängt u.a. an der politisch gewollten EEG-Umlage-Befreiung etlicher Großverbraucher. Der Rest zahlt deren Obolus nämlich mit. Dass sich die Rettung des Planeten angeblich nicht rechne, wird bestimmt einmal als die dümmste Ausrede in die Weltgeschichte eingehen.

Die Erneuerbaren sind in Wahrheit eine Erfolgsgeschichte und können in ein paar Jahrzehnten den Energiebedarf Deutschlands vollständig decken. Was die Technik angeht gibt es daran nicht den geringsten Zweifel. Und dann sind wir endlich unabhängig von teuren Energieimporten aus politisch brisanten Regionen. Allerdings muss die Politik den Umbau unserer Energiewirtschaft intelligenter managen als bisher. Wir brauchen unbedingt mehr Stromtrassen und Stromspeicher. Natürlich steckt der Teufel, wie in allen anderen Dingen auch, im Detail. Anders ausgedrückt: So etwas sagt sich leichter, als es sich verwirklichen lässt. Aber über die stiefmütterliche Behandlung der hiesigen Solarindustrie kann man nur den Kopf schütteln. Und dass sich das Desertec-Projekt neuerdings selbst zu zerlegen droht, ist zum Haareausraufen. Rückschläge gibt es freilich immer, egal bei welchem Vorhaben. Doch dadurch darf man sich nicht entmutigen lassen.

Allen Kleinmütigen sei ein Blick in die Geschichte der Fehlprognosen empfohlen: "Auf das Fernsehen sollten wir keine Träume vergeuden, weil es sich einfach nicht finanzieren lässt", konstatierte Lee De Forest, der Vater des Radios, im Jahr 1926. "Das Radio hat absolut keine Zukunft", glaubte wiederum 1897 der britische Physiker Lord Kelvin. "Das Pferd wird es immer geben, Automobile hingegen sind lediglich eine vorübergehende Modeerscheinung", behauptete 1903 der uns namentlich unbekannt gebliebene Präsident der Michigan Savings Bank. Kein Geringerer als Gottlieb Daimler höchstselbst sagte 1901 voraus: "Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten - allein schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren." Eine krasse Falscheinschätzung der Lage unterlief auch Thomas J. Watson, 1946 Chef von IBM: "Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt." Und Ken Olsen, Gründer der Digital Equipment Corporation, überraschte 1977 mit dem Urteil: "Es gibt keinen Grund dafür, dass jemand einen Computer zu Hause haben wollte." Steve Jobs hat sich gewiss köstlich amüsiert.

Daraus folgt unweigerlich: Die Erneuerbaren Energien werden sich durchsetzen, fossile Energieträger hingegen nahezu komplett verschwinden. Bereits in 50 Jahren wird man über Sätze, die mit "Die Erneuerbaren Energien werden nie..." anfangen, ähnlich herzhaft lachen wie über die oben aufgeführten Fehlprognosen vergangener Zeiten. Wenn man es so betrachtet, in größeren Zusammenhängen eben, erscheinen einem viele Diskussionen plötzlich vollkommen überflüssig.

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[1] IWR-Online vom 24.07.2013
[2] Die Welt-Online vom 02.08.2013