Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



20. Juli 2014, von Michael Schöfer
Das muss auch gesagt werden


Ich habe mich an dieser Stelle schon mehrfach mit dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern befasst. [1] Die seit 1967 andauernde Besetzung Palästinas, die massenhafte Ansiedlung von Israelis in Ost-Jerusalem und auf der sogenannten Westbank, die weitgehende Rechtlosigkeit der Palästinenser sowie die daraus resultierenden Folgen halte ich für eine wahre Tragödie. Nicht bloß für die Palästinenser, sondern vor allem für Israel selbst.

Nun kocht abermals der Nahost-Konflikt hoch. Man mag kaum noch darüber schreiben, denn ohnehin ist dazu längst so gut wie alles gesagt, überdies liegt eine in meinen Augen für beide Seiten akzeptable Lösung bereits auf seit Jahren dem Tisch (die Bildung zweier Staaten). Dennoch gibt es dort keinen Frieden. Das ist zutiefst frustrierend und man würde den Konflikt gerne Konflikt sein lassen und sich anderen, angenehmeren Dingen widmen. Wenn da nicht das unendliche Leid wäre, das dieser Krieg verursacht. Beide Seiten beschießen sich erneut gegenseitig. Und letztlich weiß keiner genau, was die konkrete Ursache der aktuellen Eskalation ist. Die überraschende Annäherung von Fatah und Hamas? Die Ermordung von drei israelischen Jugendlichen? Die anschließende Verbrennung eines 15-jährigen Palästinensers? Das Terrain ist total unübersichtlich. So weit, so schlecht.

Ich weiß, dass ich mich jetzt bei manchen furchtbar in die Nesseln setzen werde, aber ich kann nicht anders: Am Wochenende gab es in mehreren Städten Demonstrationen gegen die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen. Motto: "Stoppt die Bombardierung Gazas." Presseberichten zufolge wurden Hamas-Fahnen geschwenkt und Polizisten angegriffen, Neonazis mischten sich unter die Menge, Teilnehmer skandierten israelfeindliche Parolen und vereinzelt konnte man sogar antisemitische Parolen wie "Hamas, Hamas - Juden ins Gas" hören. [2] Schlimm, wirklich schlimm. Ausgerechnet in Deutschland.

Doch das muss auch gesagt werden: Die auf Israel abgefeuerten Raketen sind genauso zu verurteilen und ebenfalls durch nichts zu rechtfertigen (selbst wenn diese durch mangelnde Treffgenauigkeit vergleichsweise wenig Schaden anrichten). Notwehr als Rechtfertigung hat in diesem Konflikt längst ausgedient. Auf beiden Seiten, wohlgemerkt. Alle Konfliktbeteiligten fügen sich gegenseitig Unrecht zu. Wer jedoch die Täterrolle nur auf der einen Seite und die Opferrolle allein auf der anderen Seite sieht, blendet einen Teil der Wirklichkeit konsequent aus.

Israel verhält sich meiner Ansicht nach falsch. Trotzdem möchte ich hier in Erinnerung rufen, was mit Israel geschähe, sollten Hamas, Hisbollah oder Gruppen wie der Islamische Staat jemals die Oberhand über Israel gewinnen. Das sind Organisationen, die Israel extrem feindlich und absolut unversöhnlich gegenüberstehen. Die massenhafte Ermordung von Juden und die Auslöschung des israelischen Staates wären gewiss. Der von Deutschen begangene Holocaust, die systematische Vernichtung von Juden, ist sicherlich singulär (d.h. ohne jedes Beispiel). Würden radikale Islamisten Israel erobern, wären freilich die Folgen für die jüdische Bevölkerung damit durchaus vergleichbar. Denn wer schon, wie etwa die im Irak und Syrien kämpfenden Fundamentalisten, auf seine muslimischen Brüder keinerlei Rücksicht nimmt, wird in Bezug auf Juden wohl kaum Gnade kennen.

Insofern bin ich bestürzt darüber, dass bei den Demonstrationen solche Töne zu hören waren. Das ist m.E. absolut inakzeptabel. Wir gedenken heute dem 20. Juli. Wenn es daraus eine Lehre zu ziehen gilt, dann die, sich dem politischen oder religiösen Extremismus entgegenzustellen, egal in welchem Gewand er auftritt.

----------

[1] u.a. Israel/Palästina: Der endlose Konflikt vom 31.07.2004, Israel, um Himmels willen, Israel... vom 12.01.2009, Keine Alternative zur Zweistaatenlösung vom 23.06.2014
[2] tagesschau.de vom 18.07.2014