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21. Dezember 2014, von Michael Schöfer
Der Anleger, das dumme Schaf


"Geld muss arbeiten", lautet einer der ehernen Grundsätze des Geldgewerbes. Wo arbeitet es? Natürlich auf der Bank. Und das rund um die Uhr. Puh, da bin ich aber froh, kein Geld geworden zu sein, sondern einen anständigen Beruf gelernt zu haben, denn rund um die Uhr arbeiten ist wahrlich kein Vergnügen. Der Gesetzgeber reguliert meine Arbeitszeit, sie darf gemäß § 3 Arbeitszeitgesetz im Durchschnitt acht Stunden nicht überschreiten. In § 4 sind die Ruhepausen (mindestens 30 Minuten) und in § 5 die Ruhezeiten (mindestens elf Stunden) festgelegt. Geld muss dagegen pausenlos arbeiten. Und das auch noch weltweit.

Momentan ist es jedoch nicht mehr ganz so fleißig, es bringt nämlich angesichts bescheidener Zinssätze kaum noch etwas ein. Inzwischen verlangen die Banken von den Großanlegern sogar Strafzinsen, d.h. man muss ihnen Geld dafür zahlen, sobald man sein Vermögen unproduktiv auf den Konten herumliegen lässt. Das ist sozusagen die monetäre Arbeitslosenquote. Derzeit sind es zwar bloß 0,25 Prozent, aber ähnlich klein hat, Ältere werden sich gewiss daran erinnern, auch mal die Arbeitslosenquote bei uns Arbeitnehmern angefangen: 0,7 Prozent im Jahr 1970. Und heute? Sehen Sie! Ich prophezeie: Es dauert nicht lang, dann wird man für Bankkonten Hartz IV einführen. Fordern und Fördern - ersteres etwas mehr, letzteres etwas weniger. Wie im echten Leben halt. Die Co-Chefs der Deutschen Bank, Anshu Jain und Jürgen Fitschen, bilden ja in vorauseilendem Gehorsam schon seit 2012 eine echte Bedarfsgemeinschaft.

Es gibt "Finanzexperten", die uns mit ihren Tipps völlig uneigennützig aus der misslichen Lage befreien wollen. Umschichten, lautet die Devise. Sie raten dazu, ungefähr 10 Prozent des Vermögens in Gold zu investieren. Das plappern dann andere "Finanzexperten", und solche, die sich dafür halten, einfach nach. Leider ohne vorher ein bisschen darüber nachzudenken. Denn bedauerlicherweise machen ihnen die harten Fakten der Realität einen dicken Strich durch die Rechnung ihres Wolkenkuckucksheims. Die globale Goldproduktion müsste gut fünfmal höher sein, um allein den deutschen Privathaushalten die Befolgung dieser Faustregel zu erlauben. [1] Von französischen, chinesischen, englischen oder amerikanischen Anlegern ganz zu schweigen.

Gold liege im Trend, verkündeten dieselben "Experten" vor noch nicht allzu langer Zeit. Und tatsächlich ist der Goldpreis seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise stark gestiegen, schließlich hat man uns ständig den totalen Zusammenbruch oder die Hyperinflation an die Wand gemalt. Nicht nur Sex sells, sondern ebenso gut alle nur denkbaren Katastrophenszenarien. Gold sei ein sicherer Hafen, hieß es landauf, landab. Vorübergehend steigerten sich die Menschen in einen veritablen Goldrausch hinein. Der Weltuntergang nahte, doch zum Glück konnte man den Messias käuflich erwerben. Hosianna.

Mit dem Edelmetall sei obendrein ein Riesenschnitt zu machen. Da wurde zeitweise über einen Goldpreis von 8.000 US-Dollar je Feinunze fabuliert, andere waren bescheidener und prognostizierten bloß 2.000 bis 2.500 US-Dollar. Zunächst schienen sich sämtliche Erwartungen zu erfüllen, denn am 06.09.2011 erklomm der Goldpreis sein Allzeithoch von 1.920,25 US-Dollar. Seitdem ist er allerdings sukzessive gefallen, nun dümpelt er bei 1.194,50 US-Dollar herum. Wer Anfang September 2011 dem Rat der "Experten" gefolgt ist, dessen Gold hat unterdessen 38 Prozent seines Wertes eingebüßt. Die Hosianna-Rufe sind naturgemäß nicht mehr ganz so laut, teilweise sind bereits Durchhalteparolen zu vernehmen. Manche wiederum sehen sogar einen Rückgang auf 800 US-Dollar am Horizont auftauchen. Wer? Ist doch klar: "Experten" natürlich. Ich bewundere sie, denn sie können hinterher stets meisterhaft erläutern, warum sie vorher vollkommen falsch lagen (es sei denn, der totale Zusammenbruch kommt wider Erwarten doch noch).

Schwamm drüber! Ein Sparbuch lohne jedenfalls nicht mehr, behaupten die "Experten" unverdrossen. Jetzt wäre es ratsam, Geld in Aktien zu investieren, sagen sie. Menschen, die einem irgendetwas empfehlen, finden sich ja zuhauf. Das Investieren in Wachstumsbranchen könne äußerst lukrativ sein, es winken satte Renditen. Nachteil: Man müsse sich über die Unternehmen intensiv informieren und die Marktentwicklung der jeweiligen Branche ständig im Auge haben. Sonst drohen herbe Verluste (wie bei der Dotcom-Blase Anfang des Jahrhunderts).

Mein Gott, der Tag hat eh bloß 24 Stunden, wer soll denn das noch leisten? Fast die Hälfte der Bundesbürger weiß nicht einmal, wer im Bundestag die Opposition bildet. Die kommen abends todmüde nach Hause und schaffen es vor dem Schlafengehen gerade noch, sich eine der vielen "Tatort"-Wiederholungen reinzuziehen. Und dann sollen sie sich darüber hinaus in ihrer knapp bemessenen Freizeit mit Indizies herumschlagen, Ad-hoc-Mitteilungen der Unternehmen lesen, Chartverläufe analysieren, Geschäftsberichte durchackern und die Auswirkungen der Ukraine-Krise auf die russische Wirtschaft abschätzen? Letzteres hat ja nicht einmal Putin hinbekommen. Und der verfügt bekanntlich über Geheimdienstinformationen.

Nein, nein, versucht man uns zu beruhigen. Einfach in aktiv gemanagte Fonds investieren, dann arbeiten sich daran "Finanzexperten" ab. Dort beobachten und analysieren nämlich Fondsmanager fortlaufend nationale und internationale Märkte. Für eine klitzekleine Aufwandsentschädigung, versteht sich. Das Dumme ist: Ähnlich wie beim Gold liegen die "Experten" oft daneben. Nur wenige Fondsmanager schaffen es, ihren Vergleichsindex zu schlagen. Wer lediglich einen Index, beispielsweise den DAX, nachgebildet hätte, wäre erfolgreicher gewesen. Was schließen wir daraus? Die meisten Analysen kann man den Hasen geben.

Herrje, wenn selbst Profis versagen, in was soll dann erst Otto Normalverbraucher investieren? Riester-Rente? Lohnt sich angeblich ebenso wenig. Oder sagen wir: höchstens für die Versicherungen. Zum Teil muss man weit über 90 Jahre alt werden, um überhaupt ins Plus zu kommen (d.h. mindestens so viel Geld herauszubekommen, wie man eingezahlt hat). Kleiner Hinweis: In Deutschland beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung augenblicklich 83,1 Jahre bei Frauen und 78,2 Jahre bei Männern. Banale Erkenntnis: Was dem einen sein Finanzexperte, ist dem anderen sein Versicherungsvertreter.

Der Anleger ist, wie es scheint, ein dummes Schaf. Er wird von vermeintlichen Experten mal hierhin, mal dorthin getrieben. Bloß um am Ende geschoren, d.h. ausgeplündert auf der Weide herumzustehen. Naja, zugegeben, diese Sorge ist ein Luxusproblem. Hierzulande sind laut Statistischem Bundesamt 20,3 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. [2] "Knapp 28 Prozent der erwachsenen Bevölkerung verfügen über kein oder sogar ein negatives Vermögen", konstatiert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. [3] Die Entscheidung, Aktien oder Gold zu kaufen, ist für diese Menschen schlicht irrelevant. Ihre Freude wäre bestimmt riesengroß, wenn sie wenigstens ein schlecht verzinstes Sparbuch besäßen.

Zum Glück ist bald Weihnachten. Und was sehen wir uns da gerne in der Glotze an? Natürlich Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte. Bin gespannt, wer diesmal den Ebenezer Scrooge spielen darf. Eines ist sicher: Keinesfalls CSU-Chef Horst Seehofer, denn der gehört, allen Unkenrufen zum Trotz, in Berlin noch nicht einmal zur Opposition. Seien Sie ehrlich: Hätten Sie es gewusst? Thomas Middelhoff, ein Manager mit exzellenten Stuntman-Qualitäten à la James Bond, leider auch nicht, denn er ist derzeit, nun ja, terminlich anderweitig gebunden. Einigen wir uns auf Jean-Claude Juncker. Der heutige Präsident der Europäischen Kommission hat in seiner Zeit als Premierminister Luxemburgs aus darbenden Großkonzernen den letzten Cent herausgepresst. Reiner Geiz, sag' ich Ihnen. Doch ich bin felsenfest davon überzeugt, wenn ihm erst die drei Weihnachtsgeister erschienen sind (Vorschlag: Robert Mugabe, Alexander Lukaschenko, Kim Jong-un), ist er durch und durch geläutert.

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[1] 2013 wurden weltweit 2.982 Tonnen Gold aus den Minen herausgeholt. Eine Feinunze sind 31,10 Gramm, eine Tonne Gold somit 32.154 Feinunzen. 2.982 Tonnen Gold entsprechen demzufolge 95,9 Mio. Feinunzen. Bei einem Preis von aktuell 1.194,50 US-Dollar pro Feinunze (Stand: 19.12.2014) ergibt das einen Kapitalwert von 114,5 Mrd. US-Dollar. Das Geldvermögen der deutschen Privathaushalte betrug im 2. Quartal 2014 beachtliche 4.976,4 Mrd. Euro. 4.976,4 Mrd. Euro sind derzeit 6.085,9 Mrd. US-Dollar (Wechselkurs 1,2229 vom 21.12.2014). Zehn Prozent davon sind 608,59 Mrd. US-Dollar, damit könnte man 5,3-mal die gesamte Goldproduktion des Jahres 2013 aufkaufen.
[2] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 454 vom 16.12.2014
[3] DIW, Wochenbericht 9/2014 vom 26.02.2014, PDF-Datei mit 844 kb