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20. Mai 2016, von Michael Schöfer
Ihr tut ja nix!


Sportler dopen, Autobauer betrügen bei den Abgaswerten, Banken helfen bei der Steuerhinterziehung, Unternehmen betreiben Greenwashing und Politiker täuschen vor, etwas zu tun. Das ist, kurz gesagt, das Fazit der aktuellen Pressemeldungen. Zugegeben, solche Vorwürfe sind in dieser pauschalisierenden Form unberechtigt. Besser: Nicht alle Sportler dopen, aber leider Gottes ziemlich viele. Jedenfalls bleibt der Eindruck zurück, dass die Wahrheit erheblich nüchterner aussieht, als uns das Hochglanzbroschüren und Sonntagsreden suggerieren. Hinter der blendenden Fassade verbirgt sich allzu oft das genaue Gegenteil.

Lassen Sie mich ein einziges, aber durchaus bezeichnendes und außerdem eminent wichtiges Beispiel herausheben: Erinnern Sie sich noch an den Klimagipfel 2015 in Paris? An dessen Ende beklatschten sich die Delegierten selbst, sie lagen sich in den Armen und präsentierten mit Tränen in den Augen das angeblich historische Abschlussdokument, um dessen Inhalt bis zuletzt hart gerungen wurde. [1] Endlich sei der Durchbruch in der Klimapolitik gelungen, hieß es. Paris habe alle Erwartungen übertroffen, die Dekarbonisierung habe begonnen, das Ende der fossilen Brennstoffe sei eingeläutet. Die ganze Welt sprach von einem "Klimawunder". Das Abkommen soll die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzen, nach Möglichkeit sogar auf 1,5 Grad. Einziger Wermutstropfen: Es besteht nur aus unverbindlichen Selbstverpflichtungen, einklagbare Zusagen gibt es keine.

Das erinnert ein bisschen an die freiwillige Reduzierung der Grenzwerte der Automobilindustrie. Was daraus geworden ist, sehen wir ja derzeit fast täglich in den Nachrichten. Der Natur sind solche Show-Effekte vollkommen schnurz. Für sie zählt nicht, welche Emissionswerte in den Fahrzeugpapieren stehen, sondern allein das, was tatsächlich aus dem Auspuff herauskommt. Von einem theatralisch präsentieren Klimaabkommen hat sie zunächst einmal ebenso wenig. Zumindest solange es nur auf dem Papier steht. Und Papier ist ja bekanntlich geduldig.

Bedauerlicherweise wird die Situation in puncto Klimaerwärmung eher schlechter als besser. 1992 gab es in Rio die erste Klimakonferenz der Vereinten Nationen. Zu diesem Zeitpunkt wurde schon jahrzehntelang vor dem von Menschen verursachten Klimawandel gewarnt, doch noch immer bestreiten einige Politiker, dass es einen solchen überhaupt gibt. So etwa der designierte republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump: "Ich glaube nicht an den Klimawandel." [2] Dabei ist das Ganze keine Frage des Glaubens, sondern eine des Wissens. Alle wesentlichen Informationen liegen seit langem auf dem Tisch.

Seit Rio wird zwar viel über Klimaschutz geredet, aber bis auf kleine Lichtblicke (in Deutschland sind die Treibhausgas-Emissionen zwischen 1990 und 2015 um 27,2 % gesunken) hat sich - global betrachtet - ziemlich wenig getan. Richtig ist vielmehr, wie die Messungen auf Mauna Loa/Hawaii/USA belegen, die salopp formulierte Aussage: Ihr tut ja nix! Auf der dortigen Messstation wird, weitab von allen relevanten Emittenten, schon geraume Zeit die Entwicklung des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) festgehalten. Die Ergebnisse sind erschreckend: Im Jahr 1959 kamen 0,94 ppm (parts per million, Teile von einer Million) hinzu, heute sind es jedoch sage und schreibe 3,05 ppm - mehr als das Dreifache (siehe Tabelle 1). Der Anstieg verstärkt sich, anstatt - wie es nötig wäre - zu sinken.

Tabelle 1: CO2-Anstieg ppm (parts per million) pro Jahr [3]
1959
0,94
1978
1,30
1997
1,91
1960 0,54 1979 1,75 1998 2,93
1961 0,95 1980 1,73 1999 0,93
1962 0,64 1981 1,43 2000 1,62
1963 0,71 1982 0,96 2001 1,58
1964 0,28 1983 2,13 2002 2,53
1965 1,02 1984 1,36 2003 2,29
1966 1,24 1985 1,25 2004 1,56
1967 0,74 1986 1,48 2005 2,52
1968 1,03 1987 2,29 2006 1,76
1969 1,31 1988 2,13 2007 2,22
1970 1,06 1989 1,32 2008 1,60
1971 0,85 1990 1,19 2009 1,89
1972 1,69 1991 0,99 2010 2,42
1973 1,22 1992 0,48 2011 1,88
1974 0,78 1993 1,40 2012 2,60
1975 1,13 1994 1,91 2013 2,09
1976 0,84 1995 1,99 2014 2,17
1977 2,10 1996 1,25 2015 3,05



Entsprechend hat sich der Anteil des Treibhausgases in der Erdatmosphäre entwickelt: Lag der CO2-Anteil im Jahr 1959 im Durchschnitt noch bei 315,97 ppm, hatte er 2015 bereits 400,83 ppm erreicht (siehe Tabelle 2). In den vergangenen 56 Jahren gab es somit einen Zuwachs von 26,9 Prozent. Zum Vergleich: Der vorindustrielle Wert (bis zum Jahr 1750) betrug 275 bis 285 ppm.

Tabelle 2: CO2-Anteil in der Erdatmosphäre ppm (parts per million) Ø [4]
1959
 315,97
1978
 335,41
1997
 363,71
1960 316,91 1979 336,78 1998 366,65
1961 317,64 1980 338,68 1999 368,33
1962 318,45 1981 340,10 2000 369,52
1963 318,99 1982 341,44 2001 371,13
1964 319,62
1983 343,03 2002 373,22
1965 320,04 1984 344,58 2003 375,77
1966 321,38 1985 346,04 2004 377,49
1967 322,16 1986 347,39 2005 379,80
1968 323,04 1987 349,16 2006 381,90
1969 324,62 1988 351,56 2007 383,76
1970 325,68 1989 353,07 2008 385,59
1971 326,32 1990 354,35 2009 387,37
1972 327,45 1991 355,57 2010 389,85
1973 329,68 1992 356,38 2011 391,62
1974 330,18 1993 357,07 2012 393,82
1975 331,08 1994 358,82 2013 396,48
1976 332,05 1995 360,80 2014 398,61
1977 333,78 1996 362,59 2015 400,83



Seit dem Beginn der Industrialisierung heizt der Mensch die Erdatmosphäre durch die Verwendung von fossilen Brennstoffen auf. Mit großem Erfolg. Was die globale Durchschnittstemperatur angeht, war 2015 nämlich abermals ein Rekordjahr: 0,76 Grad über dem langjährigen Mittel des Zeitraums 1961-1990. [5] Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) das bisher wärmste Jahr seit dem Beginn der flächendeckenden Aufzeichnungen im Jahr 1880. Damit wurde erstmals die Schwelle von plus 1 Grad gegenüber der vorindustriellen Durchschnittstemperatur erreicht. [6] Mit anderen Worten: Die Situation verschlechtert sich zusehends. Der Negativtrend scheint ungebrochen - ungeachtet aller Papiere, die bislang auf Klimakonferenzen beschlossen wurden.

Liebe Leserinnen und Leser, ich will Sie jetzt nicht mit den verheerenden Folgen (steigender Meeresspiegel, Verschiebung der Klimazonen, positive Rückkopplungseffekte etc.) langweilen, sondern lediglich die Frage stellen, warum sich trotz zahlreicher Hinweise und Warnungen so wenig tut. Hat der Homo sapiens etwa Lust am Untergang? Oder kann er eben nicht anders? Anstatt hier eine Antwort zu geben, die ich ehrlich gesagt auch nicht habe, lasse ich Sie mit der Frage allein. Beantworten Sie sich die Frage einfach selbst, falls Sie das können. Anregungen und Beschwerden nehme ich aber gerne entgegen.

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[1] YouTube-Video
[2] Frankfurter Rundschau vom 25.09.2015
[3] U.S. Department of Commerce, National Oceanic and Atmospheric Administration, Earth System Research Laboratory, Global Monitoring Division, Mauna Loa CO2 annual mean growth rates
[4] U.S. Department of Commerce, National Oceanic and Atmospheric Administration, Earth System Research Laboratory, Global Monitoring Division, Mauna Loa CO2 annual mean data
[5] Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz, Globale Temperatur 2015 bricht alle Rekorde
[6] DWD, Klimawandel - Aktuelle Nachrichten, 2016, Januar: 2015 zweitwärmstes Jahr in Deutschland