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23. Juli 2016, von Michael Schöfer
Mein überfordertes Primatenhirn


Habt Mitleid mit meinem überforderten Primatenhirn, das angesichts der Komplexität und dem raschen Wandel seiner Umwelt gar nicht mehr zum Analysieren, geschweige denn zum korrekten Einordnen kommt. Die Welt ist ein einziges Tohuwabohu.

Anfang Juli gab es in Bagdad mitten in einem belebten Einkaufsviertel einen verheerenden Bombenanschlag, bei dem mindestens 280 Menschen getötet wurden. Der Welt war das lediglich ein Achselzucken wert. Irak? Bombenanschlag? Ist halt so! Ein paar Tage später, am französischen Nationalfeiertag, donnerte ein Tunesier mit einem LKW über die Strandpromenade von Nizza und überrollte dort zahlreiche Menschen. Es waren mindestens 84 Tote zu beklagen. Die Welt weinte mit Frankreich. Nicht zum ersten Mal übrigens. Zynische Erkenntnis: Unschuldige Opfer in Frankreich stehen uns halt doch irgendwie näher als unschuldige Opfer in Nahost. Dabei ist der Schmerz der Mütter um ihre toten Kinder überall der gleiche.

Einen Tag danach putschten in der Türkei Teile des Militärs. Der Staatsstreich scheiterte vor allem am mutigen Widerstand des türkischen Volkes, das zur Unterstützung der Regierung auf die Straßen und Plätze strömte. Und was macht Präsident Recep Tayyip Erdogan? Er verteidigt die Demokratie, indem er sie im Schnelldurchgang beseitigt. Gewissermaßen ein Putsch nach dem Putschversuch. Tausende werden festgenommen, und das beileibe nicht bloß am Putsch beteiligte Soldaten. Richter, Staatsanwälte, Polizisten und Verwaltungsbeamte werden suspendiert. Die Behörden verweigern Wissenschaftlern die Ausreise, im Ausland befindliche sollen zurückkehren. Privatschullehrer bekommen die Unterrichtserlaubnis entzogen, Zeitungen werden geschlossen und missliebige Internetseiten blockiert, Radio- und Fernsehstationen verlieren ihre Sendelizenz sowie Journalisten den Presseausweis. Es gab bislang mehr als 10.000 Verhaftungen. Erdogan spricht ausdrücklich von "Säuberungen". Ein Terminus, den man gemeinhin mit stalinistischen Schauprozessen verbindet. Der angebliche Anführer der Putschisten, Luftwaffenchef Akin Öztürk, wurde offenbar misshandelt. Als man ihn mit Kabelbindern gefesselt der Öffentlichkeit präsentierte, war sein rechtes Ohr bandagiert, die Nase blutig geschlagen, an den Armen und am Nacken hatte er rote Flecken. Das riecht nach vielem, aber nicht nach einem rechtsstaatlich korrekten Verfahren. AKP-Anhänger fordern die Wiedereinführung der Todesstrafe. Ob die Regierung dabei das Rückwirkungsverbot beachtet (es darf keine andere Strafe ausgesprochen werden, als zum Zeitpunkt der strafbaren Handlung vorgesehen war), ist ungewiss. Was macht die Nato? Sie weist die Türkei darauf hin, dass man eine Wertegemeinschaft sei. Und was passiert, wenn das Land diese Werte dennoch missachtet? Äh, dann...

In Polen arbeitet die rechtsnationale Regierung eifrig daran, die Gewaltenteilung zu beseitigen. Obgleich bereits ein Gesetz zur Reform des Verfassungsgericht von einer Kommission des Europarats als verfassungswidrig und im Widerspruch zu europäischem und internationalem Recht stehend verurteilt wurde, will die Regierung ein zweites Gesetz vorlegen. Was macht die EU? Die bekräftigt ihre Prinzipien, schließlich ist die Europäische Union - ebenso wie die Nato - eine Wertegemeinschaft. Polen zeigt sich davon allerdings völlig unbeeindruckt. Und was folgt daraus, außer dass die EU zum x-ten Male auf ihre Werte hinweist? Nichts, die polnische Regierung bekommt lediglich den erhobenen Zeigefinger zu sehen - verbunden mit einem infantilen "Du, du, du!" Ungefähr so, wie man mit ungehorsamen Babys spricht: "Du, du, du - mach das bloß nicht wieder!" Zumindest bei Babys hat so etwas bekanntlich eher mäßigen Erfolg.

Quo vadis westliche Führungsmacht? In den USA hat es Donald Trump tatsächlich geschafft, Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu werden, obgleich der Mann unberechenbar und brandgefährlich ist. Selbst für die bisweilen überspannten US-Wahlkämpfe ein verstörendes Novum: Die Delegierten des republikanischen Nominierungsparteitages forderten lautstark die Verhaftung der demokratischen Gegenkandidatin Hillary Clinton. "Sperrt sie ein, sperrt sie ein!" ("Lock her up"), skandierten sie. Das erinnert eher an die Methoden des weißrussischen Diktators Alexander Lukaschenko, weniger an die demokratischen Prinzipien, denen sich das "Land der Freien" verpflichtet fühlt. Dessen ungeachtet behauptet Trump: "Ich bin der Kandidat, der für Recht und Ordnung steht." Vermutlich im gleichen Sinne wie Erdogan versichert, die Demokratie zu retten. Mich erinnert das eher an das fanatische Gebrüll auf Parteitagen autoritärer Regime. Fehlt bloß noch die Mao-... äh... Trump-Bibel. Nicht auszudenken, dieser Mann könnte im nächsten Jahr tatsächlich im Weißen Haus sitzen. Das käme buchstäblich einer Kulturrevolution gleich. Die Wählerinnen und Wähler werden doch hoffentlich nicht so doof sein...

Apropos doof, mein überfordertes Primatenhirn hat noch weitere Eindrücke zu verarbeiten: "Pokémon Go" - ein albernes Spiel für Intelligenzabstinenzler und alle, die es demnächst noch werden wollen. Die Möglichkeiten der Volksverdummung sind offenbar noch lange nicht ausgereizt, sogar Abgeordnete machen sich zum Affen und suchen im Foyer des Landtages nach virtuellen Pokémon. Unsere Ahnen sind wohl kaum von den Bäumen gestiegen, damit ihre Nachfahren die letzten Reste ihres Verstand verplempern. Früher hatte Bildung noch einen Eigenwert. Es war chic, etwas zu wissen. Heute ist man up to date, wenn man zeigt, dass man genauso doof ist wie alle anderen. Vorurteile, Hass auf Andersdenkende, einfache Lösungen für komplizierte Sachverhalte, Verschwörungstheorien und Aberglaube erleben derzeit eine ungeahnte Renaissance. Während ihnen das Grönlandeis unter dem Hintern wegschmilzt, leugnen viele hartnäckig die Existenz der anthropogenen Klimaerwärmung. Motto: Ach, kommen Sie mir doch nicht mit Fakten!

Stress pur: Ein 17-Jähriger attackiert in Würzburg Fahrgäste eines Regionalzuges mit einer Axt. In München läuft ein 18-Jähriger in einem Einkaufszentrum Amok und erschießt neun Menschen. Wohin soll das führen? Und dann trennen sich auch noch Maria Hering und Bastian Yotta. Wie bitte, die kennen Sie gar nicht? Puh, wenigstens bei Ihnen besteht also noch Hoffnung...