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22. Januar 2017, von Michael Schöfer
Zur Wahrheit gehört das vollständige Bild


Die baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum, die vor einer aus ihrer Sicht immer stärkeren "Zurückdrängung des deutschen Bevölkerungsanteils" warnt und in diesem Zusammenhang auch gerne von einem "schleichender Genozid an der deutschen Bevölkerung" spricht, hat dem Bundespräsidentenkandidat Frank-Walter Steinmeier in Stuttgart eine Frage gestellt. Sie sei auf eine Tabelle der Fachhochschule Münster gestoßen, aus der hervorgehe, dass der Anteil der unter 6-Jährigen ausländischer Herkunft in westdeutschen Großstädten zwischen 55 und 70 Prozent liege. Daraus resultiere ihre Angst. Sie hat Steinmeier gefragt, wie er glaube, diese zukünftige Gesellschaft zusammenhalten zu können. [1]

In der Tat existiert eine Tabelle der Fachhochschule Münster, erstellt von Prof. Dr. rer. soc. Aladin El-Mafaalani vom Fachbereich Sozialwesen. Und darin wird der Anteil der unter 6-Jährigen mit Migrationshintergrund wie folgt angegeben:

Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund im Alter unter 6 Jahren [2]
Frankfurt/M. ca. 70 %
Stuttgart ca. 60 %
Nürnberg ca. 70 %
München ca. 60 %
Düsseldorf ca. 60 %
Köln ca. 55 %
Hannover ca. 55 %

Meine Stichprobe förderte zutage: Die Stadt Stuttgart gibt in ihrem Faltblatt "Stuttgarter Einwohnerdaten" den Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund im Alter unter 6 Jahren mit 58,1 Prozent an (Stand 2014), die Angaben in der Tabelle der Fachhochschule Münster dürften somit den Tatsachen entsprechen. [3] Scheinbar hat Christina Baum also recht, aber eben bloß scheinbar, denn die Zahlen spiegeln nur einen Teil der Wahrheit wider. Und zur ganzen Wahrheit gehört das vollständige Bild.

Wie wird Migrationshintergrund überhaupt definiert? Es gibt sogar zwei unterschiedliche Arten, nämlich den Migrationshintergrund im "engeren" und den "weiteren" Sinne. Das Statistische Bundesamt definiert beide wie folgt:

"Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund im engeren Sinne gehören alle Zugewanderte und alle in Deutschland geborene Ausländer/-innen. Von den Deutschen mit Migrationshintergrund, die ihre deutsche Staatsangehörigkeit seit Geburt besitzen, haben nur jene einen Migrationshintergrund im engeren Sinne, die mit ihren Eltern oder einem Elternteil im selben Haushalt leben, weil nur dann die für die Zuordnung entscheidende Elterninformation vorliegt.

Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund im weiteren Sinne gehören zusätzlich jene Deutsche mit Migrationshintergrund, die ihre deutsche Staatsangehörigkeit seit Geburt besitzen und nicht (mehr) mit den Eltern im selben Haushalt leben." [4]

Bislang wurde beim Mikrozensus nur in drei Erhebungen auch nach dem Migrationshintergrund im weiteren Sinne gefragt. Danach gab es hierzulande 276.000 (2005) 383.000 (2009) und 705.000 (2013) mehr Menschen mit einem Migrationshintergrund im weiteren als im engeren Sinne. Alle hier genannten Zahlen beziehen sich auf den engeren Sinn, weil sie in wesentlich umfangreicherer und detaillierterer Form vorliegen.

Zunächst ist zu sagen, dass Menschen mit Migrationshintergrund keineswegs gleichmäßig über das Bundesgebiet verteilt sind. "Im Jahr 2015 lebten 96,1 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund in Westdeutschland und Berlin. (…) 60,8 Prozent aller Personen mit Migrationshintergrund lebten 2015 in städtischen, 12,6 Prozent in ländlichen Regionen. Auf Gemeindeebene gilt, dass je größer die Einwohnerzahl der Gemeinde ist, desto größer ist tendenziell auch der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung: Während beispielsweise der Anteil in den Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern im Jahr 2015 durchschnittlich unter zehn Prozent lag, hatte in den Gemeinden mit 50.000 bis unter 100.000 Einwohnern durchschnittlich etwa jede vierte Person einen Migrationshintergrund (25,3 Prozent). In den Gemeinden mit 500.000 Einwohnern und mehr lag der entsprechende Anteil bei 30,3 Prozent." [5]

Dass der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in den westdeutschen Großstädten am höchsten ist, überrascht eigentlich wenig, denn dort befindet sich schließlich das Gros der Bildungseinrichtungen (Schulen, Universitäten) und der Arbeitsplätze. Die Bundesrepublik Deutschland (Westdeutschland vor der Wiedervereinigung) hat einen erklecklichen Teil der hier lebenden Migranten in den fünfziger und sechziger Jahren als sogenannte "Gastarbeiter" angeworben, damit diese in den hiesigen Fabriken arbeiten. Und die meisten davon stehen nun mal in den Großstädten oder in deren näherer Umgebung. Anwerbeabkommen gab es mit Italien (1955), Griechenland (1960), Spanien (1960), Türkei (1961), Marokko (1963), Südkorea (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Dass die Migranten und ihre Nachkommen noch heute dort leben, dürfte daher kaum erstaunen. Im Unterschied dazu leben die meisten Menschen ohne Migrationshintergrund in Kommunen zwischen 20.000 und 50.000 Einwohner. [6] Anders ausgedrückt: Der subjektive Eindruck, den man in den westdeutschen Großstädten bekommt, ist nicht repräsentativ für das ganze Land.

Gemeindegröße
Bevölkerung insgesamt
(in 1.000)
Bevölkerung ohne Migrations-hintergrund
(in 1.000 plus deren Anteil in %)
Bevölkerung mit Migrations-hintergrund
(in 1.000 plus deren Anteil in %)
unter 2 000 Einwohner 4.588 4.257 (92,8 %) 331 (7,2 %)
2 000 bis unter 5 000 Einwohner 7.068* 6.341 (89,7 %) 728 (10,3 %)
5 000 bis unter 10 000 Einwohner 9.360 8.049 (86,0 %) 1.311 (14,0 %)
10 000 bis unter 20 000 Einwohner 12.069* 9.937 (82,3 %) 2.133 (17,7 %)
20 000 bis unter 50 000 Einwohner 15.200 11.917 (78,4 %) 3.283 (21,6 %)
50 000 bis unter 100 000 Einwohner 7.442 5.560 (74,7 %) 1.882 (25,3 %)
100 000 bis unter 200 000 Einwohner 5.340 3.753 (70,3 %) 1.587 (29,7 %)
200 000 bis unter 500 000 Einwohner 6.821 5.056 (74,1 %) 1.765 (25,9 %)
500 000 und mehr Einwohner 13.515 9.416 (69,7 %) 4.099 (30,3 %)

81.403
64.286 (79,0 %)
17.119 (21,0 %)
*= rechnerische Abweichung der Summe um jeweils 1

In der nachfolgenden Tabelle ist die Verteilung der unter 6-Jährigen, auf die sich Frau Baum bezog, nach Gemeindegröße aufgeführt. [7] Allerdings stammen diese Daten vom Mikrozensus 2011 (neuere regionale Ergebnisse lagen beim Statistischen Bundesamt noch nicht vor). Diese Zahlen relativieren aber dennoch die Aussage der baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten erheblich.

Gemeindegröße Bevölkerung insgesamt
im Alter unter 6 Jahren (in 1.000)
Bevölkerung ohne Migrations-hintergrund
im Alter unter 6 Jahren (in 1.000 plus deren Anteil in %)
Bevölkerung mit Migrations-hintergrund
im Alter unter 6 Jahren (in 1.000 plus deren Anteil in %)
unter 2 000 Einwohner 216 193 (89,4 %) 23 (10,6 %)
2 000 bis unter 5 000 Einwohner 354 294 (83,1 %) 60 (16,9 %)
5 000 bis unter 10 000 Einwohner 424* 327 (76,9 %) 98 (23,1 %)
10 000 bis unter 20 000 Einwohner 570 399 (70,0 %) 171 (30,0 %)
20 000 bis unter 50 000 Einwohner 718* 452 (62,9 %) 267 (37,1 %)
50 000 bis unter 100 000 Einwohner 353 206 (58,4 %) 147 (41,6 %)
100 000 bis unter 200 000 Einwohner 283 148 (52,3 %) 135 (47,7 %)
200 000 bis unter 500 000 Einwohner 335 193 (57,6 %) 142 (42,4 %)
500 000 und mehr Einwohner 706 365 (51,7 %) 341 (48,3 %)

3.959 2.577 (65,1 %) 1.384 (34,9 %)
*= rechnerische Abweichung der Summe um jeweils 1

Die DDR hat in den Jahren 1966 bis 1989 rund eine halbe Million Arbeitskräfte aus Vietnam, Polen, Mosambik und anderen Staaten angeworben. Außerdem bekamen in Ostdeutschland in den siebziger Jahren mehrere Tausend Flüchtlinge aus Chile, Spanien und Griechenland Asyl. [8] 1965 hatte die DDR 17,0 Mio. Einwohner, 1989 waren es 16,4 Mio. [9] Ende 1989 lebten dort noch etwa 190.000 Ausländer (Achtung: nicht deckungsgleich mit Migrationshintergrund), das waren rund 1 Prozent der Bevölkerung. [10] Zum Vergleich: Der Anteil der Ausländer in den alten Bundesländern betrug Ende 1989 exakt 8 Prozent (5 von 62,7 Mio.). [11]

Das erklärt die bis heute existierenden regionalen Unterschiede zwischen dem Westteil und dem Ostteil unseres Landes. Weniger jedoch den in den neuen Bundesländern grassierenden Fremdenhass. In Sachsen lag 2015 der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund bei lediglich 5,4 Prozent (Sachsen-Anhalt 5,0 %, Mecklenburg-Vorpommern 4,9 %, Brandenburg 5,9 %, Thüringen 4,9 %). Im Durchschnitt waren es in den neuen Bundesländern (ohne Berlin) bloß 5,3 Prozent, in den alten Bundesländern (inkl. Berlin) jedoch 23,9 Prozent. [12] In meiner Heimatstadt Mannheim haben 43,6 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund [13], aber der Fremdenhass ist hier im Vergleich zu Ostdeutschland deutlich geringer.

Deutschland mit seiner europäischen Mittellage war schon in früheren Zeiten ein Einwanderungsland, hier sei nur an die französischen Hugenotten (17. Jahrhundert) und an die polnischen Bergarbeiter (sogenannte "Ruhrpolen", Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts) erinnert:

"Im Jahre 1597 ließen sich Hugenotten in Hanau nieder und bauten die Hanauer Neustadt, 1604 gründeten Hugenotten mit Erlaubnis des Grafen Ludwig II. von Nassau-Saarbrücken das Dorf Ludweiler. Um das Jahr 1685 flohen fast 50.000 Hugenotten nach Deutschland: 1699 gründeten sie Neu-Isenburg in der Grafschaft Isenburg, etliche ließen sich in deren Residenz Offenbach nieder, etwa 20.000 davon in Brandenburg-Preußen, wo Kurfürst Friedrich Wilhelm ihnen mit dem Edikt von Potsdam besondere Privilegien gewährte. (…) Nahezu 4.000 Hugenotten übersiedelten nach Baden, Franken (Fürstentum Bayreuth und Fürstentum Ansbach, heute Teil von Bayern), Hessen-Kassel und Württemberg. Weitere zogen in das Rhein-Main-Gebiet (Hanau), in die Grafschaften des Wetterauer Grafenvereins, in das heutige Saarland und in die Kurpfalz mit Zweibrücken. Etwa 1.500 Hugenotten fanden in Hamburg, Bremen und Niedersachsen eine neue Heimat." [14]

"Die Gesamtbevölkerung im Ruhrgebiet wuchs von etwa 375.000 um 1852 zunächst auf etwa 536.000 um 1871 an, dann erfolgte bis 1910 ein besonders deutlicher Anstieg auf etwa 3 Millionen und auf schließlich 3,7 Millionen um 1925. Damit war in etwa 70 Jahren eine Verzehnfachung der Gesamtbevölkerung des Ruhrgebiets eingetreten." Beispiel Bottrop: "Bottrop zählte 6.600 Einwohner im Jahr 1875, bis 1900 vervierfachte sich die Zahl; 40 Prozent der Bevölkerung waren polnischer, oberschlesischer, kaschubischer oder masurischer Abstammung. 1915 zählte Bottrop 69.000 Einwohner, die einheimische westfälische Wohnbevölkerung stellte die Minderheit dar. 1911 stellten die Migranten 36 Prozent der Belegschaften der Zechen." [15]

Die Nachfahren dieser Migranten tauchen als solche in keiner Statistik mehr auf. Und selbst Christina Baum würde wohl kaum davon sprechen, es habe damals ein "schleichender Genozid an der deutschen Bevölkerung" stattgefunden. Zumindest rückblickend betrachtet. Hätte sie jedoch im 17. Jahrhundert oder Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt, hätte sie die Zuwanderung vielleicht ebenfalls vehement abgelehnt. Unter Umständen sogar mit den gleichen Worten. Franzosen und Polen waren seinerzeit bei den Einheimischen nicht gerade beliebt. Doch die Nachfahren dieser ehedem aus dem Ausland kommenden Migranten sind heute unzweifelhaft Deutsche. Und niemand käme auf die Idee, das infrage zu stellen. Nicht einmal die AfD.

Deutscher ist man ohnehin schon allein dann, wenn man die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Die ethnische Zugehörigkeit oder die Herkunft darf in diesem Zusammenhang keine Rolle spielen. Übrigens: Einer der heftigsten Kritiker der angeblichen Überfremdung, Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab"), stammt selbst von Hugenotten ab. Und auch bei ihm sollte man Zahlen gründlich auf deren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. [16]

Wie sieht die aktuelle Situation in Deutschland aus? Die nachfolgenden Daten stammen vom Mikrozensus 2015, den das Statistische Bundesamt im September 2016 veröffentlicht hat: Von den 81,4 Mio. Einwohnern haben 64,3 Mio. (79 %) keinen Migrationshintergrund, im Gegensatz dazu haben 17,1 Mio. (21 %) einen solchen. [17] Im Jahr 2005 lag der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund noch bei 15 Mio. (damals 18,2 %), folglich gab es in den letzten 10 Jahren einen Anstieg um 2,1 Mio. (210.000 pro Jahr).

Bei den unter 6-Jährigen (insgesamt 4,2 Mio.) besitzen bundesweit 2,7 Mio. (64,2 %) keinen Migrationshintergrund, 1,5 Mio. (35,8 %) haben einen.

Alter
Bevölkerung
insgesamt
(in 1.000)
Bevölkerung ohne Migrationshintergrund
(in 1.000 plus deren
Anteil in %)
Bevölkerung mit Migrationshintergrund
(in 1.000 plus deren
Anteil in %)
unter 6 Jahren 4.159 2.668 (64,2 %) 1.491 (35,8 %)
6 – 15 Jahren 6.378 4.211 (66,0 %) 2.167 (34,0 %)
15 – 18 Jahren 2.433 1.725 (70,9 %) 708 (29,1 %)
18 – 25 Jahren 5.988 4.424 (73,9 % 1.564 (26,1 %)
25 – 35 Jahren 10.212 7.588 (74,3 %) 2.624 (25,7 %)
35 – 45 Jahren 10.136* 7.364 (72,6 %) 2.773 (27,4 %)
45 – 65 Jahren 24.418 20.343 (83,3 %) 4.075 (16,7 %)
65 Jahren und mehr 17.680* 15.962 (90,3 %) 1.717 (9,7 %)

81.404 64.285 (79,0 %) 17.119 (21,0 %)
*= rechnerische Abweichung der Summe um jeweils 1

In allen Altersgruppen zusammengenommen stammen 35 Prozent zumindest zum Teil aus einem der 28 Mitgliedstaaten der EU. Hier haben 16,7 Prozent einen türkischen Migrationshintergrund. Menschen mit einem russischen (1,22 Mio.) und einem polnischen (1,70 Mio.) Migrationshintergrund sind gemeinsam stärker als solche mit einem türkischen (2,85 Mio.), fallen aber aufgrund ihres Aussehens im Stadtbild weniger auf. In Stuttgart leben beispielsweise neben den Türken als größter Ausländergruppe auch viele Griechen, Italiener und Kroaten.

Das waren viele Zahlen (freilich nur ein kleiner Ausschnitt der verfügbaren). Anders ausgedrückt: Sie sind für eine mündliche Erwiderung ungeeignet. Genau darauf setzt ja die AfD. Sie weiß, der kurze Zwischenruf mit einer schnell dahingeworfenen Halbwahrheit verfängt bei Menschen, denen die Details nicht so wichtig sind. Und dieser perfiden Taktik ist nur schwer beizukommen. Gut, dass Frank-Walter Steinmeier mit der Fehleinschätzung der Deutschen in Bezug auf die hier lebenden Muslime gekontert hat. Was ist wirklich wahr, was ist nur die gefühlte Wahrheit? Deutsche glauben laut Umfrage, dass der Anteil der Muslime in Deutschland 21 Prozent beträgt. [18] In Wahrheit sind die Zahlen viel niedriger: In Deutschland lebten am 31.12.2015 zwischen 4,4 und 4,7 Mio. Muslime, was einen Anteil zwischen 5,4 und 5,7 Prozent ergibt. [19]

Weniger gut war, dass der jetzige Außenminister und künftige Bundespräsident die Frage nicht richtig verstanden hat. Christina Baum sprach davon, dass in den meisten westdeutschen Großstädten der Anteil der unter 6-Jährigen mit ausländischer Herkunft zwischen 55 und 70 liegt. Bei Steinmeier kam das anders an, denn er erwiderte u.a.: "Wenn Sie sagen, 50 Prozent bis 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind Ausländer, trifft das ja nicht den Sachverhalt." (Hervorhebung von mir.) Unter 6-Jährige gehen normalerweise in gar keine Schule. Und "ausländische Herkunft" ist etwas anderes als "Ausländer" zu sein. Selbst ausgebuffte Politprofis sind gelegentlich unpräzise. Und natürlich haben sie ohne Vorbereitung nicht alle Daten parat. Gleichwohl bleibt es dabei: Es ist unseriös, mit ein paar aus dem Zusammenhang gerissenen Zahlen, die nicht das ganze Bild widerspiegeln, Politik machen zu wollen.

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[1] SWR vom 20.01.2017, "Zuversicht und Angst"
[2] Universität Stuttgart, Zentrum für Lehre und Weiterbildung, PDF-Datei mit 818 kb
[3] Landeshauptstadt Stuttgart, Faltblatt Stuttgarter Einwohnerdaten, PDF-Datei mit 3,18 MB
[4] Statistisches Bundesamt, Personen mit Migrationshintergrund
[5] Bundeszentrale für politische Bildung, Bevölkerung mit Migrationshintergrund I
[6] Statistisches Bundesamt, Bevölkerung mit Migrationshintergrund - Ergebnisse des Mikrozensus, Fachserie 1 Reihe 2.2 - 2015, Tabelle 1_1, Excel-Datei mit 4,43 MB

[7] Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Bevölkerung nach Migrationsstatus regional, Ergebnisse des Mikrozensus 2011, PDF-Datei mit 3,6 MB
[8] Bundeszentrale für politische Bildung, Migration in Ost- und Westdeutschland von 1955 bis 2004
[9] Statista, Wohnbevölkerung in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) von 1949 bis 1989 (in Millionen Einwohner)
[10] Bundeszentrale für politische Bildung, Mauerfall mit Migrationshintergrund
[11] Statistisches Bundesamt, Ausländische Bevölkerung, Fachserie 1 Reihe 2 - 2015, Excel-Datei mit 7,89 MB
[12] Statistisches Bundesamt, Bevölkerung mit Migrationshintergrund - Ergebnisse des Mikrozensus, Fachserie 1 Reihe 2.2 - 2015, Tabelle 1_1, Excel-Datei mit 4,43 MB
[13] Stadt Mannheim, Einwohner mit Migrationshintergrund
[14] Wikipedia, Hugenotten
[15] Wikipedia, Ruhrpolen
[16] siehe Thilo Sarrazin hat unrecht vom 13.10.2009 oder Konsequent an den Fakten vorbei vom 27.08.2010
[17] Statistisches Bundesamt, Bevölkerung mit Migrationshintergrund - Ergebnisse des Mikrozensus, Fachserie 1 Reihe 2.2 - 2015, Tabelle 4I, Excel-Datei mit 4,43 MB
[18] Spiegel-Online vom 14.12.2016
[19] Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Wie viele Muslime leben in Deutschland?


Nachtrag (23.01.2017):
Prof. Dr. rer. soc. Aladin El-Mafaalani, von mir um eine Stellungnahme gebeten, wies auf einen interessanten Aspekt hin, der in meinem Artikel bislang unerwähnt blieb: "Soziale Probleme korrelieren NICHT mit dem Migrantenanteil. Dann müssten die deutschen Problemstädte München, Stuttgart, Frankfurt und Nürnberg sein und die Vorzeigestadt schlechthin wäre Dresden oder Magdeburg (sehr geringe Anteile an Menschen mit MH). Selbst Berlin hat eher durchschnittliche Werte im Hinblick auf Migrationshintergrund." Tatsächlich hatte Berlin Ende 2014 insgesamt 3,56 Mio. Einwohner, davon 1,02 Mio. (28,6 %) mit einem Migrationshintergrund. [20]
Prof. El-Mafaalani legt im Übrigen Wert auf den Hinweis, dass die Aussage der AfD-Politikerin so nicht stimmt. Sie sagt in dem Video, dass "in den meisten westdeutschen Großstädten der Anteil der unter 6-Jährigen ausländischer Herkunft zwischen 55 und 70 Prozent" liege. Richtig ist vielmehr: in einigen Großstädten ist der Anteil so hoch. Prof. El-Mafaalani hat nämlich in der von ihm erstellten Tabelle gerade diejenigen ausgewählt, die Spitzenwerte aufweisen. Und er fügt hinzu: "Interessanterweise macht dieser hohe Anteil diese Städte nicht weniger attraktiv."

[20] Statistik Berlin-Brandenburg, Einwohnerinnen und Einwohner in Berlin nach LOR und Migrationshintergrund, PDF-Datei mit 88 kb