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30. Oktober 2017, von Michael Schöfer
Gedankenverbrechen


Beim Thema Sexismus kann man als Mann eigentlich nur verlieren. Egal wie man sich äußert, es wird einem bestimmt falsch ausgelegt. Doch wie bei stark emotionalisierten Debatten üblich, neigen manche auch hier zu grotesken Übertreibungen. Um es klar und deutlich zu sagen: Unerlaubt anfassen ist ein absolutes No-Go, Machtpositionen ausnutzen ebenfalls, anzügliche Bemerkungen dito. Und Gewalt - na, das versteht sich ja eigentlich von selbst. Leider nimmt das Ganze momentan fast inquisitorische Züge an, die Gedankenpolizei patrouilliert. Im Magazin der altehrwürdigen "Die Zeit" stand beispielsweise am 28. Oktober unter der Überschrift "Sexismus - Bist du dabei?" Folgendes: "Misch dich ein, wenn was falsch läuft. Wenn dein Kollege deiner Chefin auf die Brüste statt auf die PowerPoint-Präsentation guckt." Soll man(n) jetzt wirklich kontrollieren, wohin die Kollegen schauen und ihnen obendrein auch noch unterstellen, was sie dabei möglicherweise denken? In der linksalternativen "taz" klagen sich Männer unter der Überschrift "Wie konnte ich so ein Arsch sein?" selbst an. Einer gesteht, er habe als Jugendlicher zu seiner Freundin gesagt: "Zieh dich aus, ich will mit dir schlafen!" Zweifellos etwas plump vorgetragen, aber ist sein Wunsch, Sex zu haben, a priori illegitim? Ein anderer hat Gewissensbisse, weil er einmal auf einer Party eine Lesbe kennengelernt hat und sich "insgeheim" (also bloß in Gedanken) mehr erhoffte. Ihr angetan hat er nichts. Ist das nicht ein bisschen lächerlich? Wer das Thema bagatellisiert liegt genauso falsch wie diejenigen, die sogar einschlägige Gedanken schon als verwerflich bezeichnen, damit erreicht man nämlich am allerwenigsten.