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27. Januar 2018, von Michael Schöfer
Wer ohne Sünde ist, der werfe die erste Fake-News


Der Kampf gegen Fake-News ist oft nicht so klar, wie er in den Medien dargestellt wird. Im Gegenteil, nicht selten hat man das Gefühl, dass beim vermeintlichen Kampf gegen Fake-News selbst viele Fake-News produziert werden. [1] Das aktuellste Beispiel ist die Warnung der EU-Kommission vor Fake-News aus - na, woher wohl, genau: Russland. "Die EU-Kommission hat der russischen Regierung erneut vorgeworfen, gezielt Falschmeldungen in Europa zu verbreiten. 'Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass wir es gegenwärtig mit einer ausgeklügelten, sorgfältig orchestrierten regierungsgestützten pro-russischen Desinformationskampagne zu tun haben', schreibt Sicherheitskommissar Julian King in einem Meinungsbeitrag für die 'Welt'." [2] Russland setze Falschinformationen als Waffe ein und Europa müsse sich dagegen wehren. "Als ein Beispiel nannte King jüngste Berichte, dass die Europäische Union in Georgien Inzest verharmlose."

Ich bin ein echter Nachrichten-Junkie, lese täglich intensiv die Süddeutsche und besuche, soweit mir das meine Zeit gestattet, im Internet auch noch andere Tageszeitungen und ausgewählte Weblogs. Doch dass die EU in Georgien Inzest verharmlost, ist mir ehrlich gesagt neu. Nun ja, angesichts der Nachrichtenflut kann man durchaus mal etwas überlesen, aber selbst bei einer - zugegeben oberflächlichen - Recherche bei Google bekomme ich lediglich die Verlautbarung von Julian King angezeigt. Die inkriminierte Fake-News selbst habe ich nicht gefunden.

Mit einer Ausnahme, Andrew Rettman schreibt auf der belgischen Website "EUobserver" Folgendes: "Im April letzten Jahres berichtete ein russischer Blogger, dass die westlichen Länder Inzest, Kannibalismus und Nekrophilie legalisieren würden." Wohlgemerkt, ein russischer Blogger. Und das bereits im April 2016. Ob der Blogger die Fake-News in Georgien verbreitet hat, teilt der EUobserver leider nicht mit. Georgien wird dort lediglich zweimal erwähnt: Im Mai 2016 habe "eine pro-russische Zeitung in Georgien" behauptet, "dass EU-Eliten von LGBTI-Aktivisten 'vereinnahmt' worden seien". [3] Im Juni 2016 habe "eine pro-russische Zeitung in Georgien" behauptet, "dass die Staats- und Regierungschefs der EU an einem satanischen Ritual in einem Schienentunnel in der Schweiz teilgenommen hätten". [4] Georgien liegt übrigens an der Peripherie Europas und damit weitab der EU, eingeklemmt zwischen Russland, der Türkei, Armenien und Aserbaidschan. Die Hauptstadt Tiflis liegt ungefähr auf dem gleichen Längengrad wie Bagdad. [5]

Ich bestreite ja keineswegs die Existenz von vorsätzlichen Falschmeldungen, noch nicht einmal von welchen aus Russland, aber sieht so die ausgeklügelte, sorgfältig orchestrierte regierungsgestützte pro-russische Desinformationskampagne aus? Es handelt sich hierbei offenbar um eine Desinformationskampagne, von der man bislang in der EU, von Ausnahmen abgesehen, noch nicht allzu viel mitbekommen hat. Und ich gehe davon aus, dass Falschmeldungen der deutschen oder britischen Boulevardpresse da von der Qualität und der Quantität her locker mithalten können. Von irgendwelchen Bloggern ganz zu schweigen. Mit hanebüchenem Unsinn wird man nämlich fast überall konfrontiert, mit Regierungspropaganda ebenso. Erinnern Sie sich noch an Rudolf Scharpings "Hufeisenplan"?

In einem muss man Julian King allerdings zustimmen: Die beste Verteidigung gegen Desinformation ist ein kritischer Verstand. Stimmt absolut. Bloß gehört zu einem kritischen Verstand auch das Eingeständnis, dass die Welt nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht, wie man uns im Westen häufig suggeriert, sondern das Bild von ziemlich vielen Grautönen beherrscht wird. Oder anders ausgedrückt: Wer ohne Sünde ist, der werfe die erste Fake-News.

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[1] siehe etwa Unfreiwillige Komik vom 21.01.2018
[2] tagesschau.de vom 27.01.2018
[3] LGBTI steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender/Transsexual and Intersexed
[4] EUobserver vom 20.04.2017
[5] Tiflis: 44.783333, Bagdad: 44.422