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28. Januar 2018, von Michael Schöfer
Hat Erdogan einen Plan, wie er da wieder herauskommt?


Der türkische Einmarsch in Syrien dürfte kaum im Einklang mit dem Völkerrecht stehen. Ob sich die Türkei auf das Selbstverteidigungsrecht gemäß Artikel 51 der UN-Charta berufen kann, ist zumindest umstritten. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen konnte sich aber bislang nicht zu einer Stellungnahme aufraffen - er ist, wie so oft, uneins. Allerdings muss man natürlich auch einräumen, dass die Türkei seit langem unter dem Terror der PKK leidet und die syrische Kurdenmiliz YPG eng mit der PKK verbunden ist. Andererseits war die YPG im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat gewissermaßen die Bodentruppe des Westens und wurde von den USA mit Waffen beliefert. Ob der IS endgültig besiegt ist, muss sich erst noch zeigen. Ebenso, ob die YPG bei einer möglichen Rückkehr der Islamisten noch einmal bereit ist, den "nützlichen Idiot" zu spielen.

Erklärtes Ziel der Türkei ist, in Syrien eine 30 km breite Sicherheitszone zu errichten. Dort soll sich keine kurdische Eigenständigkeit entwickeln, die der PKK als Operationsbasis dient. Nach den Angriffen auf die Region Afrin rückt die türkische Armee auch in Richtung Idlib vor. Wenn man den Ankündigungen von Staatspräsident Erdogan Glauben schenkt, wird die Sicherheitszone bis zur irakischen Grenze reichen. Doch selbst wenn es seiner Armee gelingt, die Sicherheitszone gegen die kampferprobte YPG zu erobern, stellt sich die viel wichtigere Frage, wie lange sie dort bleiben will respektive muss. Vor dem Beginn eines Konflikts sollte man nämlich stets einen Plan in der Tasche haben, wie man aus ihm möglichst heil wieder herauskommt, schließlich droht der Türkei in Syrien im schlimmsten Fall ein lang anhaltender Guerillakrieg. Von den Interessen der syrischen Regierung ganz zu schweigen, denn Assad und Erdogan waren in der Vergangenheit, nun ja, nicht gerade als Freunde bekannt.

Da die Gebiete, in die die Türkei einmarschiert, momentan ohnehin nicht unter syrischer Kontrolle stehen, wird die Regierung in Damaskus das türkische Vorgehen zunächst dulden. Wahrscheinlich hat Ankara das Ganze ohnehin mit Syrien und Russland abgesprochen. Doch ob die Duldung türkischer Soldaten auf syrischem Staatsgebiet von Dauer ist, darf man bezweifeln. Wie dem auch sei, jedenfalls hat die Türkei auf dem unübersichtlichen Terrain in Nahost eine weitere Front eröffnet. Die Region wird auf absehbare Zeit nicht zur Ruhe kommen.