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19. April 2018, von Michael Schöfer
Geheimniskrämer


Bei Kriegsverbrechen, wie etwa dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz im syrischen Douma, ist es notwendig, die Fakten von der Propaganda zu trennen. Allerdings kann man auch aus der Verzögerungstaktik, die Experten der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) an den vermeintlichen Tatort zu lassen, durchaus seine Rückschlüsse ziehen. Die Unterstellung, hier würden Beweise beseitigt oder deren Sicherung verhindert, ist nämlich nicht von der Hand zu weisen. Und angesichts dessen hilft es Russland und Syrien wenig, andere der Lüge zu bezichtigen und zu bestreiten, dass überhaupt ein Giftgasangriff stattfand. Da hat wohl einer was zu verbergen. Wäre der Giftgaseinsatz wirklich inszeniert gewesen, gäbe es schließlich keinen Grund, die OPCW bei der Aufklärung zu behindern. Auch Indizien und das Verhalten von Verdächtigen können aufschlussreich sein.

Die Äußerungen des russischen Außenministers Sergej Lawrow in der Affäre Skripal lassen ebenfalls tief blicken. Das Schweizer Institut für ABC-Schutz Spiez habe ihm vertraulich mitgeteilt, dass bei der Untersuchung von Proben "Spuren der toxischen Chemikalie BZ" nachgewiesen worden seien. BZ habe aber zum Arsenal der Streitkräfte der USA, Großbritanniens und weiterer Nato-Staaten gehört. "In der Sowjetunion und Russland wurden solche und ähnliche chemische Substanzen nie entwickelt." [1] In den Kommentarspalten von tagesschau.de wird daraus postwendend eine Tatsache: "Mittlerweile ist bekannt, dass eine Probe in einem unabhängigen schweizer Labor getestet wurde. Es handelt sich allerdings nicht um das Gift Novichok, sondern um BZ. Dieses Gift, wurde niemals in Russland hergestellt. Laut Labor, führt diese Spur eindeutig in die USA und UK. Und das 'liebe' TS, ist keine Propaganda." [2] Dass Lawrow lügen könnte, wird von dem Verfasser offenbar überhaupt nicht in Erwägung gezogen.

"Das Labor Spiez als designiertes Vertrauenslabor der OPCW kann in dieser Sache leider nicht Stellung nehmen. Nur die OPCW kann das", teilt das Labor Spiez auf Anfrage mit. Was es allerdings öffentlich sagen kann, ist: "Wir sind überzeugt, dass das britische Labor - ebenfalls ein designiertes Labor der OPCW - die Substanz korrekt identifiziert hat. Die OPCW hat die Analyse der Briten bestätigt und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. Die Verwirrung um die Russischen Behauptungen am Wochenende wird sich bald klären." Das Labor Spiez weist zudem auf einen "recht erhellenden Beitrag" in der Neuen Zürcher Zeitung hin.

Dort steht: "Vieles spricht (...) dafür, dass Spiez den Kampfstoff BZ tatsächlich gefunden hat. Doch das ist kein Widerspruch zu Mogls Aussage, dass er dem britischen Nowitschok-Resultat vertraue. Denn zu den rigiden Kontrollmechanismen der OPCW zählt, dass die Referenzlabore jeweils mehrere Sätze von Proben erhalten. Typisch ist, dass die OPCW nicht nur die 'echte' Probe verschickt, sondern auch negative und positive Kontrollproben. Diese sind zwar ähnlich beschaffen, enthalten im ersten Fall aber keinen chemischen Kampfstoff, im zweiten Fall einen anderen, der extra der Probe beigefügt wurde. Damit wird sichergestellt, dass das beauftragte Labor fehlerfrei arbeitet und nicht weiss, welches die 'echte' Probe ist. Wenn Spiez der OPCW nicht nur den Befund Nowitschok meldete, sondern auch das Vorhandensein von BZ, so lässt sich dies am ehesten durch den Einsatz einer solchen Kontrollprobe erklären. Für die OPCW gab es daher gar keinen Grund, den BZ-Befund öffentlich zu vermelden – sie wusste ja, dass es sich dabei nur um eine Kontrollprobe gehandelt hatte." [3]

Der russische Außenminister Lawrow ist kein Amateur, vielmehr hat er sich in den zurückliegenden Jahren den Ruf eines ziemlich ausgefuchsten Politikprofis erworben. Ihm dürfte daher der wahre Sachverhalt bekannt gewesen sein. Wenn er dennoch den Versuch unternimmt, die Öffentlichkeit vorsätzlich auf falsche Gleis zu setzen, stellt sich die berechtigte Frage nach seinem Motiv. Warum lügt der russische Chefdiplomat, obgleich er es eigentlich besser weiß? Russland ist ja nach eigener Aussage in der Sache Skripal völlig unschuldig, hätte es also gar nicht nötig, mit Ablenkungsmanövern die Welt zu verwirren, Moskau könnte ganz gelassen die endgültigen Untersuchungsergebnisse abwarten. Stattdessen werden der Öffentlichkeit bewusst Geschichten präsentiert, die sich aber am Ende vermutlich als unhaltbar erweisen.

Was freilich die Beurteilung durch uns Normalbürger erschwert, ist die Geheimniskrämerei. Zwar hat die OPCW eine Zusammenfassung der Stichprobenanalyse veröffentlicht, welche jedoch wenig erhellend ist. Die Ergebnisse der Analyse bestätigen die Ergebnisse Großbritanniens "in Bezug auf die Identität der giftigen Chemikalie, die in Salisbury verwendet wurde", heißt es dort. Das Wort "Nowitschok" taucht darin nicht auf. Viel besser wäre deshalb eine vollständige Veröffentlichung des Berichts, damit sich die Öffentlichkeit ein eigenes Bild machen kann. Bislang ist man darauf angewiesen, wem man mehr glaubt - den Russen oder den Briten. Und da westliche Politiker schon oft beim Lügen ertappt wurden, kann man leider nicht so genau beurteilen, wer nun gerade die Wahrheit sagt. Doch das hat sich der Westen selbst zuzuschreiben. Für das vorhandene Misstrauen sind nämlich nicht die Desinformationskampagnen der russischen Trolle verantwortlich, sondern in erster Linie die eigenen Lügen der Vergangenheit. Die russische Strategie des permanenten Leugnens fällt doch bloß auf fruchtbaren Boden, weil man im Westen den Politikern zu Recht misstraut. Wären westliche Politiker immer ehrlich gewesen, hätten sie nie Kriegsgründe erfunden, um die Bevölkerung zu täuschen, wäre die Sache von vornherein klar gewesen. Aber so...

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[1] Sputniknews vom 14.04.2018
[2] tagesschau.de vom 14.08.2018
[3] Neue Zürcher Zeitung vom 16.04.2018, Stefan Mogl ist der Leiter des Fachbereichs Chemie des Labor Spiez