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28. April 2018, von Michael Schöfer
An diplomatischer Tradition kann man auch ersticken


Manchmal ist es ratsam, die ausgetretenen Pfade der Diplomatie zu verlassen und die Spielregeln kurzentschlossen zu ändern. Denn was nützt es, stur auf Tradition zu setzen, wenn man dafür bloß immer größere Spannungen erntet? Gelegentlich braucht es eben einen "game changer".

Nehmen wir als Beispiel Stefan Kornelius von der Süddeutschen, gewissermaßen der Prototyp eines Traditionalisten, der uns mit den bislang üblichen Spielregeln der Diplomatie vertraut macht: "Ein US-Präsident trifft nicht einfach mal einen nordkoreanischen Diktator, weil sich die Gelegenheit bietet. Solch ein Treffen steht, wenn überhaupt, am Ende eines langen und mit aller Vorsicht geführten Prozesses. Die Gespräche zum Stopp des iranischen Nuklearprogramms zogen sich über mehr als ein Jahrzehnt hin. Ein Abkommen zur Denuklearisierung, zum Anreicherungsstopp und zur Überwachung eines nordkoreanischen Abrüstungsprozesses lässt sich mit einem unberechenbaren Regime nicht in vier Wochen ausbuchstabieren. Ein Treffen mit dem US-Präsidenten aber muss und kann nur der Schlusspunkt eines Verhandlungsprozesses sein, die symbolische Honorierung eines ernsthaften Verständigungs- und Versöhnungsversuchs." [1] Zusammengefasst: Erst die Vorleistung durch Zugeständnisse in Verhandlungen untergeordneter Chargen, im Erfolgsfall später die Belohnung durch ein Treffen auf höchster Ebene.

Doch nun dürfen wir an einem erstaunlichen Schauspiel teilhaben, das die Verhältnisse auf der nordkoreanischen Halbinsel entscheidend zu ändern vermag: Nord- und Südkorea veranstalten gerade an der Demarkationslinie ein historisches Gipfeltreffen, das man vor einigen Wochen noch für völlig ausgeschlossen hielt. In der "Panmunjom-Erklärung" wird als gemeinsames Ziel eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel angestrebt. Ebenso ein Friedensvertrag, der den Koreakrieg (1950-1953) endgültig beendet. Tauwetter in Ostasien. Demnächst trifft der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un sogar US-Präsident Donald Trump. Hätte man, wie von Stefan Kornelius empfohlen, solche Gipfeltreffen wie gewohnt ans Ende des Verhandlungsprozesses gesetzt, wäre das Tauwetter womöglich ausgeblieben. Es braucht gelegentlich einen, der sagt: Jetzt machen wir es mal anders.

Natürlich gelten Taten mehr als Worte. Natürlich muss man bei einem Diktator, der - wenn die Berichte zutreffen - interne Widersacher mit der Flugabwehrkanone hinrichten lässt, äußerst misstrauisch sein. Natürlich wird Kim Jong-un sein Regime retten und die Arbeitslager in seinem Land bestimmt nicht gleich morgen schließen wollen. Aber wenn am Ende tatsächlich die nukleare Abrüstung kommt und sich die Lage deutlich entspannt, ist das jeden Aufwand wert. Auch wenn Donald Trump dabei laut Kornelius seiner "Kindergartenlogik" folgt und durchaus die Gefahr besteht, dass er in Kim Jong-uns Manege am Nasenring herumgeführt wird. Mag alles sein, doch es gibt auch die Chance, dass etwas Sinnvolles dabei herauskommt. Das heißt nicht, Donald Trump als Person zu rehabilitieren. Aber seine unkonventionelle Art, Diplomatie zu betreiben, könnte sich in diesem Fall als nützlich erweisen.

Gewiss, das Ganze ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Scheitert das Gipfeltreffen, könnte sich dadurch die Kriegsgefahr sogar noch erhöhen (so wie das bei einer Kündigung des Atomabkommens mit dem Iran zu befürchten ist). Allerdings braucht auch Kim Jong-un einen gesichtswahrenden Ausweg aus der Eskalationsspirale, nicht bloß Trump endlich einen vorzeigbaren außenpolitischen Erfolg. Sollte Kim nicht vollkommen verrückt sein, wird er sich kaum ausmalen, eine militärische Auseinandersetzung mit den USA gewinnen zu können. Vielmehr müsste er schon mit einem Zipfelchen an Vernunft einsehen, selbst etwas Substanzielles anbieten zu müssen, um die angespannte Lage zu bereinigen. Und die Frage, ob sich da zwei Länder auf Augenhöhe begegnen oder nicht, ist ehrlich gesagt völlig nebensächlich. Das alberne Rangordnungsgehabe gehört in den Primatenzoo, nicht auf die Bühne der internationalen Diplomatie.

Gerade wir Deutschen müssten die ungewöhnliche Vorgehensweise verstehen. Die Ostpolitik Willy Brandts war seinerzeit neu und unkonventionell. Hätte sich Anfang der siebziger Jahre die Union unter Rainer Barzel und Franz Josef Strauß durchgesetzt, gäbe es heute vielleicht noch immer zwei getrennte deutsche Staaten. Die Berliner Mauer inklusive. Willy Brandt war damals der "game changer", der es nach Jahren der althergebrachten, aber völlig nutzlosen Konfrontationspolitik mal mit Entspannung probieren wollte (Motto: Wandel durch Annäherung). Für Konservative grenzte das an Vaterlandsverrat, aber das Ergebnis sprach für Brandt. Anders ausgedrückt: An diplomatischer Tradition kann man auch ersticken.

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[1] Süddeutsche vom 09.03.2018