Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



30. Mai 2018, von Michael Schöfer
Dieser Schuss ging wohl nach hinten los


Ob diese Inszenierung gründlich durchdacht war, darf bezweifelt werden: Der Mord am russischen Journalist Arkadi Babtschenko war vom ukrainischen Geheimdienst SBU bloß vorgetäuscht, angeblich um Anschlagspläne des russischen Geheimdienstes zu enttarnen. [1] Die gute Nachricht: Babtschenko lebt!

Doch wie sah die Reaktion auf die ursprüngliche Meldung aus? Erwartungsgemäß, muss man konstatieren:
  • "7 Kreml-Kritiker (mund)tot gemacht. Bereitet sich Putin so auf die WM vor? Putins Feinde leben gefährlich. Dabei stellt der Mord am Journalisten Arkadi Babtschenko am Dienstagabend in Kiew nur den jüngsten Vorfall einer ganzen Serie dar." [2]
  • "Ein Mitarbeiter des ukrainischen Innenministers verdächtigte in einem Facebook-Eintrag Moskau: 'Das Putin-Regime zielt auf diejenigen ab, die es nicht brechen oder einschüchtern kann.'" [3]
  • Man sprach von einem "Auftragsmord am Putin-Kritiker", es wurde sogar ein Phantombild des mutmaßlichen Täters veröffentlicht. Und ein Bekannter von Babtschenko äußerte: "Dies ist ein Weckruf an alle Oppositionellen, die die Mächtigen im Kreml kritisieren: Man findet euch überall und tötet euch. Man versucht, euch Angst einzujagen. Indem man herausragende Persönlichkeiten und Meinungsmacher tötet." [4]
  • "Der ukrainische Ministerpräsident Wolodymyr Hrojsman gibt Moskau die Schuld an dem Tod des Kremlkritikers in Kiew. 'Ich bin überzeugt, dass die russische totalitäre Maschinerie ihm seine Ehrlichkeit und Prinzipientreue nicht verziehen hat', schrieb Hrojsman auf Facebook." [5]
  • Die Finger zeigten fast ausnahmslos in eine Richtung: "Kritik an Kreml mögliches Tatmotiv." [6] 1 + 1 = 2, einfach und scheinbar logisch.
  • Der Informationsminister der Ukraine verkündete pathetisch: "Das ist ein Anschlag auf die Freiheit, ein Anschlag auf die Wahrheit." [7] Wie sich allerdings nachträglich herausgestellt hat, liegt der einzige Anschlag auf die Wahrheit in der Vortäuschung des Mordes.
  • Der Deutsche Journalisten-Verband soll sogar bereits dazu aufgefordert haben, angesichts des Mordes an Babtschenko über den Boykott der Fußball-WM nachzudenken. Doch das kann man leider nicht mehr überprüfen, denn die Meldung wurde inzwischen gelöscht. Der DJV schreibt stattdessen auf seiner Website: "Der russische Journalist Arkadi Babtschenko, dessen Ermordung gemeldet worden war, ist am Leben. Das melden u.a. die Tagesschau und die Welt. Wegen dieses komplett neuen Sachstandes haben wir den heutigen Blog-Beitrag deaktiviert." [8] Der DJV kann nicht einmal zur seinen eigenen Fehlern stehen und versucht sie zu verbergen. Peinlich, peinlich…
Resümee: Das war wirklich keine gute Idee des ukrainischen Geheimdienstes, weil nun allenthalben die Verunsicherung riesengroß ist, wem man was überhaupt noch glauben darf. Noch viel mehr als ohnehin schon. Sind vielleicht die echten Morde ebenfalls inszeniert, bloß um sie Russland in die Schuhe zu schieben? Und was bedeutet das Ganze für den Fall Skripal, die Pressemeldungen hierzu hatten ja eine verblüffende Ähnlichkeit?

Es hat sich abermals gezeigt, dass es falsch ist, voreilige Schlüsse zu ziehen und ohne Beweise Vermutungen quasi als Tatsachen zu präsentieren. Unterstellen wir einmal, der Kreml ließ in der Vergangenheit tatsächlich kritische Journalisten beseitigen, dann hat der SBU ihnen bzw. ihren Angehörigen mit dieser saudummen Inszenierung einen Bärendienst erwiesen. Wer wird denn jetzt noch glauben, dass Russland dahinter steckt? Wenn der SBU keine hieb- und stichfesten Beweise liefern kann, dass der russische Geheimdienst Journalistenmorde in Auftrag gegeben hat, war dieses bizarre Theater ein kapitales Eigentor. Wer sich das ausgedacht hat, sollte eine Karriere in Hollywood anstreben, für die Geheimdienstarbeit ist er jedoch vollkommen ungeeignet. Den Mummenschanz als amateurhaft zu bezeichnen beleidigt sämtlich Amateure.

----------

[1] tagesschau.de vom 30.05.2018, 17:48 Uhr
[2] Bild.de vom 30.05.2018, 15:06 Uhr
[3] Stuttgarter Nachrichten vom 30.05.2018, 07:01 Uhr
[4] Spiegel-Online vom 30.05.2018, 12:53 Uhr
[5] Spiegel-Online vom 30.05.2018, 12:40 Uhr
[6] ZDF vom 30.05.2018
[7] Ukrinform vom 30.05.2018, 09:36 Uhr
[8] DJV vom 30.05.2018, abgerufen 20:29 Uhr (der Text wurde, Stand 21:54 Uhr, erneut korrigiert)