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10. Juni 2018, von Michael Schöfer
Auch das werden wir überleben


Wer schon öfter in mein bescheidenes Weblog hineingeschaut hat, weiß, dass ich wenig Sympathie für den türkischen Präsidenten Erdogan hege. Für seinen Versuch, die Demokratie zu beseitigen und dabei die Menschenrechte mit Füßen zu treten, habe ich im Grunde nur Verachtung übrig. Daher kann ich über das gemeinsame Fotoshooting der deutschen Fußballnationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem Despot vom Bosporus nur den Kopf schütteln. Das war dumm, das war unsensibel und es wirft Fragen nach der politischen Überzeugung der beiden auf. Zuletzt war in den Medien oft genug von der Vorbildfunktion der Nationalspieler die Rede, deshalb müssten sie in der Öffentlichkeit unsere Werte repräsentieren. Das ist zwar wünschenswert, aber auch ein bisschen naiv. Und im Grunde sogar undemokratisch.

Wissen Sie, ob der Münchner Nationalspieler Thomas Müller, ähnlich wie die Führungsspitze der CSU, Sympathien für Viktor Orbán hegt? Wissen Sie, ob Jérôme Boateng nicht vielleicht doch heimlich AfD wählt? Hat jemand Anhaltspunkte dafür, ob der Rekordtorjäger der Nationalelf, der in Polen geborene Miroslav Klose, Anhänger der PiS von Jaroslaw Kaczyński ist? Wählt Manuel Neuer die MLPD, Mats Hummels die Linke und Marco Reus die ÖDP? Ist Mario Gomez für oder gegen die Unabhängigkeit von Katalonien? Keine Ahnung, Fußballspieler halten sich da eher bedeckt. Man sagt ihnen ohnehin nach, überwiegend unpolitisch zu sein. Aber nehmen wir einmal an, es wäre so - ist das so schlimm?

Natürlich wäre es schön, wenn die gesamte Nationalelf unsere demokratischen Werte vertreten würde, was Fotoshootings mit Recep Tayyip Erdogan, Viktor Orbán, Jaroslaw Kaczyński oder - horribile dictu - Alexander Gauland eigentlich ausschließt. Andererseits ist mit der Demokratie untrennbar der Pluralismus verbunden, die Vielfalt an Weltanschauungen, Macht- und Interessengruppen innerhalb einer Gesellschaft und das friedliche Nebeneinander derselben. Demokratische Werte zu vertreten ist willkommen, aber selbst für Nationalspieler keine Vorbedingung, schließlich gibt es im Sport keinen Radikalenerlass (sprich eine Gesinnungsprüfung). Wenn nun Ilkay Gündogan und Mesut Özil, wie übrigens laut Umfrage 29 Prozent der in Deutschland lebenden Türkischstämmigen, Erdogans Politik nach dem Putschversuch zustimmen [1], ist das zwar in meinen Augen höchst bedauerlich, aber unbestreitbar ihr gutes Recht. Und das darf ihnen niemand absprechen.

Worauf sie allerdings keinen Anspruch haben, ist die ungeteilte Zustimmung ihrer Mitmenschen. Insofern haben die Zuschauer in den Stadien selbstverständlich das Recht, die beiden bei jedem Ballkontakt auszupfeifen. Das ist zugegebenermaßen nicht schön, aber in geordneten Bahnen darf eben hierzulande jeder sein Missfallen kundtun. Auch das gehört zur Demokratie. Wir werden die Erdogan-Affäre hoffentlich genauso überleben wie die Freundschaft von Edmund Stoiber oder Gerhard Schröder zu Wladimir Putin. Und wenn Horst Seehofer vor Pressevertretern Viktor Orbán herzlich umarmt [2], finde ich das mindestens genauso schlimm wie die Aktion von Özil und Gündogan. Mindestens, wenn nicht noch mehr. Immerhin ist Seehofer derzeit als Bundesinnenminister zugleich Verfassungsminister, hat also zu prüfen, ob die Gesetzesvorhaben der Bundesregierung mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Da kann jemand wesentlich mehr Schaden anrichten als auf dem Fußballplatz.

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[1] tagesschau.de vom 05.12.2017
[2] tagesschau.de vom 05.01.2018