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04. Juli 2018, von Michael Schöfer
Euphemismen


Im Erfinden von Euphemismen sind Politiker besonders kreativ (leider vor allem dort): "Transitzentrum" heißt der aktuellste, "Regionale Ausschiffungsplattform" lautet ein anderer. Es sind aber auch schnöde, vergleichsweise einfallslose wie "Auffanglager", "Aufnahmezentrum" oder "Rückführungszentrum" im Angebot. Um niemanden zu enttäuschen: Ein "Ankerzentrum" hat nichts mit der Schifffahrt zu tun. Wer dabei an Südseeromantik denkt, muss sich im ZDF die Serie "Das Traumschiff" anschauen. Immerhin: "Konzentrationslager" ist aus den bekannten historischen Gründen tabu, das würde nicht einmal die AfD wagen. Jedenfalls bislang. Gut so. Allerdings sollen die vielen Neuschöpfungen gezielt unsere Sinne verwirren. Insbesondere bei der Interpretation, was denn unter einem Begriff genau zu verstehen ist, laufen Politiker zu ihrer Höchstform auf. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Stephan Mayer, weist etwa die Kritik an den von der Union geplanten Transitzentren empört zurück. "Transitzentren sind keine Gefängnisse", beteuert der CSU-Politiker. "In den Zentren kann sich jeder frei bewegen, raus darf aber niemand." [1] Da sind Sie jetzt bestimmt baff, nicht wahr? Das ist Spitzfindigkeit par excellence. Nur eine Frage bleibt vorerst ungeklärt: Wie würde Mayer das Reichstagsgebäude bezeichnen, wenn er sich darin zwar frei bewegen, es aber nicht verlassen dürfte? Als "Mandatsträgerzentrum"? Als "Nationale Abstimmungsplattform"? Wohl kaum. Als Gefängnis? Ach, ich bitte Sie… Wie kommen Sie denn da drauf? Niemand hat die Absicht, den Abgeordneten orange Overalls zu verpassen.

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[1] tagesschau.de vom 04.07.2018