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13. Juli 2018, von Michael Schöfer
Besser vorher intensiver nachdenken

Donald Trump? Finde ich gut! Echt! Und das, obgleich die abwertenden Beschreibungen, die ihn charakterisieren, viel zu zahlreich sind, um hier vollständig aufgeführt zu werden: Narzisst, Dilettant, Sexist, Lügner, Prolo, Hetzer, Despot, Tölpel etc. Warum ich Trump gut finde? Weil er den Wählerinnen und Wählern endlich einmal zeigt: Hey, eurer Votum hat Folgen! Wenngleich mutmaßlich hinsichtlich der Wirtschaft (Handelskrieg) ziemlich negative, unter Umständen auch in Bezug auf den Weltfrieden (Iran, China). Und definitiv, was die Reputation der USA betrifft. Eine Nation, die von einem irrlichternd durch die Weltpolitik tapsenden Präsidenten regiert wird, der Handelspartner und militärisch Verbündete gleichermaßen vergrault, hat nichts anderes verdient, denn die Bürger haben ihn gewählt. So einfach ist das. Banales Ursache-Wirkungs-Prinzip. Vielleicht merken sie jetzt: Hoppla, da haben wir ja womöglich den Falschen ins Weiße Haus geschickt, der treibt uns ja in den Abgrund.

Die gleiche heilsame Wirkung erwarte ich vom Brexit. Ursprünglich habe ich geglaubt, dass beide Seiten trotz EU-Austritt Vernunft walten lassen und ein ordentliches Nach-Scheidungs-Verhältnis aushandeln werden ("lasst uns Freunde bleiben"), schließlich haben beide Seiten angesichts der wechselseitigen Abhängigkeit ein gesteigertes Interesse daran. Doch in Großbritannien scheinen die Ideologen die Oberhand zu behalten, Theresa May kann sich nur mit Mühe an der Macht halten. Und es fragt sich, wie lange noch. Wird der Ober-Brexiter Boris Johnson Premierminister, bekommen die Briten genau das, was sie beim EU-Referendum am 23. Juni 2016 gewählt haben. Zwar mutmaßlich schlecht für die britische Wirtschaft, aber äußerst heilsam für Wählerinnen und Wähler andernorts, denn wer den Briten beim nationalen Sinkflug zusieht, stellt eventuell die eigenen Pläne infrage.

Nur wenn die Menschen die Rechnung für ihr Votum präsentiert bekommen, ändert sich etwas zum Guten. Gewiss, Trump und der Brexit werden schlimme Wunden schlagen, aber offenbar sind sie notwendig. Liebe Leute, wenn man Rattenfängern folgt, sollte man sich anschließend nicht beschweren. Deshalb wäre es besser, vorher etwas intensiver darüber nachzudenken.