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14. Juli 2018, von Michael Schöfer
Historische Beispiele sind offenbar nutzlos


"Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt." (Mohandas Karamchand Gandhi, 1869-1948) Es ist atemberaubend, wie der 45. Präsident der Vereinigten Staaten durch die Weltgeschichte trumpelt [sic!] und dabei en passant scheinbar festgefügte Gewissheiten zum Einsturz bringt. "Bulldozer" oder "Abrissbirne" nennt man ihn neuerdings. Dass Donald Trump auf dem Nato-Gipfel angeblich mit einem Alleingang (sprich dem Austritt aus der Nato) gedroht hat, ist ein Beleg dafür, wie zerrüttet das Bündnis inzwischen ist. Beistandspflicht? Stimmt, da war mal was. Die Nato ist in Wahrheit bloß noch Fassade, dahinter gärt es bedrohlich. Angesichts dessen ist ein Blick zurück in die Geschichte durchaus lohnenswert.

Der Attische Seebund war gewissermaßen die Nato der Antike. Er wurde 478/477 v. Chr. gegründet, um Griechenland vor den Persern zu schützen. Aber nachdem die persische Invasionsgefahr weitgehend gebannt war, entwickelte er sich - zulasten der Bündnisgenossen - zum Herrschaftsinstrument Athens. "Unter athenischer Hegemonie verloren die übrigen Seebundmitglieder die Möglichkeit zu selbständiger Außenpolitik und Kriegführung und waren zunehmend der attischen Initiative auf Gedeih und Verderb ausgeliefert." Athen riss die Kontrolle an sich, die ursprünglich freiwillige Mitgliedschaft mutierte zum Zwang, Austritte wurden mit drakonischen Strafmaßnahmen verhindert. "Sowohl die Seebundabgaben der Bündner als auch ihr Handel mit Athen waren durch die Münzgesetzgebung Athens ganz auf die Interessen der Führungsmacht ausgerichtet. (…) Aus dem in freier Entscheidung der Beteiligten und im Zeichen der Gleichberechtigung gegründeten Bund war die straff organisierte Herrschaft Athens geworden, das attische Seereich." [1] Athens Partner wurden zu Unterworfenen.

Zwar gibt das die aktuelle Situation der Nato nicht eins zu eins wieder, wäre aber offenbar ganz nach dem Geschmack Donald Trumps. Motto: "Alle hören auf mein Kommando. Und wer nicht hören will, muss fühlen." Zumindest scheinen seine undiplomatischen Äußerungen genau darauf hinauszulaufen. Für ihn sind die Europäer Vasallen Amerikas. Wäre Trump historisch bewandert, wüsste er jedoch, wie die Sache ausging. Thukydides (454 - 393 v. Chr.) schildert eindrücklich, wie das Hegemonialstreben Athens in den Peloponnesischen Krieg (431 - 404 v. Chr.) mündete, der im Übrigen in seiner Grausamkeit modernen Kriegen in nichts nachstand, und letztlich zum Zerfall des Seebundes führte. Athen verlor mit dem Krieg aber noch viel mehr, nämlich seine Stellung als Großmacht. Das klassische Zeitalter Athens und der attischen Demokratie war zu Ende, daran konnte auch ein kurzes Aufflackern im 4. Jahrhundert v. Chr. nichts mehr ändern.

Die westlichen Demokratien stehen zweifellos vor großen Herausforderungen. Stichworte: Russland, China, Flüchtlingsströme, Erderwärmung, ungelöste kriegerische Konflikte, wachsende Ungleichheit, Erosion der Mittelschicht. Doch wie wollen die Vereinigten Staaten diese bewältigen, wenn sie ihre Verbündeten vor den Kopf stoßen und womöglich sogar verlieren? Selbst die Macht Amerikas ist begrenzt. Etwas anderes anzunehmen wäre Hybris. Und zu allem Unglück sitzt im Oval Office kein Solon oder Kleisthenes, sondern lediglich ein aufgeblasener Prolet. Das Verhalten Trumps führt von "America first" zu "America alone". Wäre der US-Präsident kein tumber Wichtigtuer, sondern ein weiser Staatsmann, würde er sich völlig anders verhalten. Er würde erkennen, dass wir ein Teil des Problems sind und Lösungsstrategien entwickeln, anstatt die Schuld für sämtliche Unbill immer bloß bei anderen zu suchen oder schwerwiegende Probleme gleich ganz zu leugnen (Klimawandel? Eine Erfindung der Chinesen!). Hätte er obendrein gefestigte Prinzipien, würde er die Demokratie achten und schützen, anstatt sie ständig zu unterminieren.

Warum werden Figuren wie Trump überhaupt gewählt? Gibt es noch nicht genug historische Beispiele, wohin das führt? Ins Unglück! Wir haben derzeit überhaupt keinen Grund, optimistisch zu sein. Gandhi hatte leider recht: "Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt."

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[1] Wikipedia, Attischer Seebund