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15. Juli 2018, von Michael Schöfer
Niemand wird uns vermissen


Berühren sich Defätismus und Humor, sieht das wie folgt aus: "Treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine zum anderen: Du siehst aber schlecht aus. Sagt der andere: Ja, ich habe Homo sapiens. Sagt der erste: Hatte ich auch mal. Das geht vorbei."

In der Erdgeschichte gab es fünf große Massenaussterben. Und es gibt kaum Zweifel daran, dass gegenwärtig das sechste stattfindet. Das Artensterben ist aktuell sogar wesentlich höher als nach dem Asteroideneinschlag vor 66 Mio. Jahren, der zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat. Doch diesmal ist keine extraterrestrische Ursache für das Massenaussterben verantwortlich, sondern der Mensch. Ja, genau, Sie und ich. Wir alle. Im Töten war der Homo sapiens schon von jeher besonders effektiv.

Und es ist, dummes Politikergeschwätz hin oder her, keine Abhilfe in Sicht: Der CO2-Anteil in der Erdatmosphäre steigt ebenso ungebremst wie die globale Durchschnittstemperatur. "Wird die Menschheit das sechste große Massenaussterben überleben?", fragt Nadia Drake in der deutschen Ausgabe des National Geographic. Doch das ist die falsche Frage. Auf das Überleben der Menschheit, dem eigentlichen Verursacher des sechsten Massenaussterbens, kommt es gar nicht an, denn das Überleben der Menschheit ist nur für die Menschheit von Belang. Und auf deren Meinung kann der Planet gut und gern verzichten. Überspitzt formuliert: Natürlich sind die meisten Massenmörder daran interessiert, selbst zu überleben. Diese subjektive Sicht ist zwar verständlich, aber in Wahrheit vollkommen irrelevant. Zutreffend ist vielmehr: Niemand wird uns vermissen. Nur wir selbst glauben, dass es schade um uns sei.

Keine Angst, das Leben wird uns bestimmt überstehen. Vor rund 250 Mio. Jahren, am Ende des Perm-Zeitalters, fand das größte Massenaussterben statt: 95 Prozent aller marinen Arten und 70 Prozent aller landlebenden Organismen verschwanden von der Erde. Am Ende der Kreidezeit raffte der o.g. Asteroid bis zu 75 Prozent der Meeresbewohner und 18 Prozent aller landlebenden Wirbeltiere dahin. Die Katastrophe soll keine Tierart mit einem Gewicht von mehr als 25 Kilogramm überlebt haben. Doch schon nach (erdgeschichtlich) relativ kurzer Zeit erblühte das Leben neu. Die überlebenden Arten besetzten die freigewordenen ökologischen Nischen, unter ihnen ein spitzmausähnliches Säugetier, aus dem sich später der Homo sapiens entwickelt hat. Mag der Mensch auch den Großteil der Arten mit in den Orkus reißen, um das Leben und um die Erde muss sich niemand sorgen.

Wie bitte? Das erscheint Ihnen als wenig tröstlich? Sie haben recht, aber solange hierzulande die Mehrheit weiterhin mit dem SUV zum Brötchenholen fährt, muss man das wohl genau so sehen. Defätistisch eben.