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07. August 2018, von Michael Schöfer
Ist Dummheit neuerdings ansteckend?


Die Süddeutsche berichtet heute über eine skurrile Bewegung in den USA. Die Anhänger von "QAnon" glauben offensichtlich jeden Stuss, beispielsweise dass Hollywood voller Pädophiler sei, die Kinderhandel betreiben. Außerdem ermittle Sonderermittler Robert Mueller in Wahrheit nicht gegen Donald Trump, sondern gegen Hillary Clinton, Barack Obama und George Soros, weil diese angeblich einen Staatsstreich planen. [1] Und das Schlimme daran ist: Dieser Stuss findet dort immer mehr Anhänger. Das kennen wir hierzulande ja auch von den sogenannten "Reichsbürgern", die ernsthaft davon überzeugt sind, das Deutsche Reich sei nie untergegangen und bestehe fort, die Bundesrepublik hingegen sei illegal und existiere eigentlich gar nicht.

In der gleichen Ausgabe interviewt die Süddeutsche Friedhelm Fischer, den Leiter des regionalen Geschäftsbereichs Hannover der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr. Fischer hat unlängst eine sogenannte "Elfenbeauftragte" auf die Autobahn A2 mitgenommen. Sie wolle mit "spiritueller Kraft" Unfälle verhindern und habe dort mehrere Streckenabschnitte "energetisch versiegelt", schreibt das Blatt. So genau kann das der Herr Fischer, der sich selbst als "wissenschaftlich geprägt" und "großen Skeptiker" bezeichnet, auch nicht erklären. Warum er dann überhaupt eine "Elfenbeauftragte" zur A2 mitgenommen hat, bleibt unklar. "Ich kann auch nicht beurteilen, von welchem Erfolg das alles gekrönt sein wird. Ich weiß nur von Wünschenroutenläufern [sic!] und anderen Menschen, dass sie durchaus Gespür für die Natur und die Umwelt haben." [2] So, so… Dass Wünschelrutengänger (abgeleitet von Rute, nicht von Route) bei Tests unter wissenschaftlichen Bedingungen lediglich Ergebnisse im Bereich der zu erwartenden Zufallstreffer liefern, ist dem gelernten Bauingenieur offenbar entgangen.

Aber das Verstörende ist, dass die Süddeutsche - halb belustigt, halb erschrocken - auf Seite 7 über Stuss in Amerika schreibt, sich gleichzeitig jedoch nicht zu schade ist, auf Seite 8 über ebensolchen Stuss in Deutschland zu berichten. Okay, ich weiß, die Mühsal der Chronistenpflicht. Ob jetzt künftig viele den Beruf der "Elfenbeauftragten" ergreifen? Zumindest bei Behörden existiert ja anscheinend eine bislang verborgen gebliebene Marktlücke. Dieser Fachkräftemangel wird immer schlimmer. Nur eine Frage bleibt noch offen: Ist Dummheit neuerdings ansteckend, weil sie sich rasend schnell auszubreiten scheint? Von Ebola ist das inzwischen allgemein bekannt (hoffentlich auch in der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr), aber Dummheit?

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[1] Süddeutsche vom 07.08.2018, Printausgabe Seite 7
[2] Süddeutsche vom 07.08.2018, Printausgabe Seite 8