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08. August 2018, von Michael Schöfer
Bye-bye, Menschheit


DER SPIEGEL 33/1986 vom 11.08.1986 löste heftigen Widerspruch aus, weil er seinen Lesern auf dem Titelbild einen halb unter Wasser stehenden Kölner Dom präsentierte. Leitartikel: "Die Klima-Katastrophe." Das sei a) absolut unrealistisch und b) vollkommen überflüssiger Alarmismus, hieß es seitens der Kritiker. Dennoch hat das Magazin damals zum ersten Mal eine breitere Öffentlichkeit mit dem Problem der Erderwärmung konfrontiert. Das Thema ist seitdem nie mehr von der Tagesordnung verschwunden.

Aus heutiger Sicht ist der exakt 32 Jahre alte Artikel durchaus realistisch, denn im Nachhinein entpuppte sich das Bild vom abgesoffenen Kölner Dom als eine erstaunlich präzise Beschreibung unserer Zukunft. Oder sagen wir: der Zukunft kommender Generationen. Klimawissenschaftler halten inzwischen wegen des unmittelbar bevorstehenden Erreichens von diversen Kipppunkten eine "Heißzeit", in der die Durchschnittstemperatur 4 bis 5 Grad höher liegt als in vorindustrieller Zeit, für nahezu unabwendbar. Die bald eintretenden positiven Rückkopplungseffekte machen den Klimawandel unumkehrbar. Es sei denn, die Menschheit würde quasi im letzten Moment das Ruder drastisch herumreißen, wonach es allerdings nicht aussieht. Der Meeresspiegel wird deshalb wegen des Abschmelzens des antarktischen und grönländischen Festlandeises langfristig 10 bis 60 Meter höher sein als heute. Köln liegt 53 Meter über Normalhöhennull (dem Meeresspiegel), bei einem Anstieg um 60 Meter dürfte der Dom also tatsächlich teilweise unter Wasser stehen. Für Gottesdienste sind Ruderboote zu empfehlen.


Alles bloß von Peking ausgedacht?
GLOBAL Land-Ocean Temperature Index]

Die Antarktis verliert gegenwärtig pro Jahr im Durchschnitt 219 Mrd. Tonnen Eis (1992 - 2012 waren es noch 76 Mrd. t). [1] Auch auf Grönland hat längst die Eisschmelze eingesetzt, der Eispanzer verliert dort momentan pro Jahr rund 260 Mrd. Tonnen. [2] Tendenz für beide Gebiete: stark steigend. Schmelzen sämtliche Eismassen der Erde vollständig ab, steigt der Meeresspiegel um rund 66 Meter, das Berliner Regierungsviertel läge ungefähr 30 Meter unter der Wasseroberfläche (Reichstagsgebäude 35,4 m über NHN). Plenardebatten fallen dann buchstäblich ins Wasser.

Natürlich ist das ein Prozess, der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Jahrzehnte dauert, man muss schon in Jahrhunderten oder sogar in Jahrtausenden rechnen. Ich kann Sie von daher beruhigen: Die heutige Generation wird das nicht mehr erleben. Für viele Küstenstädte wird es jedoch bereits Ende des Jahrhunderts ernst. Sehen wir es mal so: Hätten schon die Römer so viel CO2 freigesetzt wie wir, wären die Eismassen mittlerweile wohl komplett abgeschmolzen. Und die Nordseeküste befände sich heute in der Nähe des Siebengebirges - 240 km weiter südlich (= Entfernung Luftlinie Bonn - Amsterdam). Bremen? Blub-blub! Hamburg? Blub-blub! Duisburg? Blub-blub! Dabei ist der Anstieg des Meeresspiegels nur ein Aspekt unter vielen, Dürren und Missernten sowie die daraus resultierenden Flüchtlingsströme werden sich viel früher bemerkbar machen. Vermutlich noch zu unseren Lebzeiten.

Und was tun die Regierungen? Nichts, wie der rasante Anstieg der CO2-Emissionen belegt. Oder jedenfalls nicht genug. Jeffrey Sachs bringt es auf den Punkt: "Die Art und Weise, in der die Menschheit unbekümmert die Grenzen des Holozäns überschritten und dabei wie eine Figur in einem Horrorfilm alle offensichtlichen Warnsignale missachtet hat, ist zutiefst unverantwortlich. (…) Warum hält die Menschheit stur an einem Kurs fest, der in die sichere Tragödie führt? Der Hauptgrund ist, dass unsere politischen Institutionen und die Großkonzerne die zunehmenden Gefahren und Schäden vorsätzlich ignorieren." [3] Hinzuzufügen wäre: Nicht bloß das Establishment glänzt durch Ignoranz (Donald Trump zufolge ist der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen) oder mit bewusstem Nichtstun (Angela Merkel redet zwar gerne von Dekarbonisierung, hält aber ständig ihre Hand schützend über die Autoindustrie), auch in der Bevölkerung klafft zwischen Worten und Taten noch eine große Lücke.

Wirklich nur Fake-News?
[Datenquelle: U.S. Department of Commerce, National Oceanic and Atmospheric Administration, Earth System Research Laboratory, Global Monitoring Division, Mauna Loa CO2 annual mean data]

Selbst eine temporär zurückgehende Steigerungsrate ist absolut gesehen ein Zuwachs
[Datenquelle: U.S. Department of Commerce, National Oceanic and Atmospheric Administration, Earth System Research Laboratory, Global Monitoring Division, Annual Mean Growth Rate for Mauna Loa, Hawaii]

Und weil die Klimakatastrophe - siehe oben - inzwischen nahezu unabwendbar ist, sage ich schon einmal vorab: Bye-bye, Menschheit! Ich stelle schonungslos fest: Wir haben es vergeigt. Der Versuch der Evolution, eine intelligente Spezies hervorzubringen, ist vorläufig gescheitert. Probieren wir das Ganze eben noch einmal mit anderen, möglicherweise vielversprechenderen Kandidaten. Vielleicht in ein paar Millionen Jahren, wenn sich unser Planet erholt hat.

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[1] Forschung & Lehre vom 13.06.2018
[2] BBC vom 14.12.2017
[3] Der Standard vom 07.08.2018