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27. August 2018, von Michael Schöfer
Vom moralischen Sockel heruntergestoßen


Viele gutgemeinte Vorhaben, die Welt humaner zu gestalten, führen geradewegs in eine moralische Verirrung. Sie enden häufig als Hexenjagd, die sich in letzter Konsequenz auch gegen deren Urheber richtet. Revolutionen fressen bekanntlich ihre Kinder. Und die gesellschaftliche Revolution unserer Tage läuft unter dem Hashtag "#MeToo", es geht um vermeintliche oder tatsächliche sexuelle Belästigungen.

Was mich an dieser Debatte von Anfang an gestört hat, war nicht das Anprangern von sexueller Belästigung, die es in den widerlichsten Schattierungen zu geben scheint, sondern der nahezu völlig Verzicht auf ein rechtsstaatliches Verfahren, wozu auch die Unschuldsvermutung zählt. Anschuldigungen wurden postwendend mit Schuldsprüchen gleichgesetzt, obgleich zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht einmal eine Anklage vorlag (die wohl in zahlreichen Fällen wegen der inzwischen eingetretenen Verjährung auch nie kommen wird). Ungeachtet dessen wurden "Beschuldigte" vorverurteilt und verloren ihre Jobs sowie ihre gesellschaftliche Stellung.

Doch inzwischen mutieren die angeblichen Opfer unvermittelt selbst zu Tätern. Genauer: zu Täterinnen. Die heute 42-jährige italienische Schauspielerin Asia Argento, die den Filmproduzent Harvey Weinstein der Vergewaltigung bezichtigt hat, soll 2013 ihrerseits einen damals 17-jährigen Schauspieler missbraucht haben. In Kalifornien, wo das Ganze Presseberichten zufolge stattgefunden hat, sind sexuelle Handlungen mit unter 18-Jährigen strafbar. Argento habe an das "Opfer" in einer außergerichtlichen Einigung 380.000 Dollar gezahlt, bestreitet aber sämtliche Missbrauchsvorwürfe. Die Castingshow, in der sie als Jurorin mitspielte, soll sich mittlerweile trotzdem von ihr getrennt haben. [1]

Auch gegen die New Yorker Literaturprofessorin Avital Ronell sind Vorwürfe laut geworden, sie soll einen ihrer Schüler sexuell bedrängt haben. Prompt fanden sich 50 Unterstützer in einem offenen Brief zu ihrer Verteidigung bereit, man müsse bei alldem "das internationale und wohlverdiente Renommee [von Ronell] als brillante Wissenschaftlerin" berücksichtigen, hieß es darin. Es handele sich bei den Anschuldigungen um einen "niederträchtigen Feldzug" einer Einzelperson, Ronell verdiene eine faire Anhörung. [2] Hat man etwa das Renommee des Schauspielers Kevin Spacey (immerhin zweifacher Oscar-Preisträger) mildernd berücksichtigt, als ihm im vergangenen Jahr vorgeworfen wurde, er habe 30 Jahre zuvor auf einer Party in alkoholisiertem Zustand einen 14-Jährigen sexuell belästigt? Nein, Spacey ist heute als Schauspieler total erledigt, die Kultserie "House of Cards" läuft ohne ihn weiter.

Es geht mir keineswegs darum, Häme zu verbreiten oder jemanden in Schutz zu nehmen. Dazu gibt es überhaupt keinen Anlass. Allerdings: Was in den meisten Fällen wirklich wahr ist, wissen wir gar nicht. Und wir werden es vermutlich in vielen Fällen nicht einmal erfahren. Doch es geht mir um das ordentliche Verfahren, auf das in einem Rechtsstaat jeder Anspruch hat. Eine faire Anhörung verdienen nämlich Harvey Weinstein und Kevin Spacey genauso wie Asia Argento und Avital Ronell. Damit müsste einhergehen, dass bloße Anschuldigungen ohne jeden Beweis nicht zum sofortigen Karriereende und zur sozialen Ächtung führen. Schuldig ist man erst, wenn man von einem dafür zuständigen Gericht verurteilt wurde. Und nicht schon dann, wenn die sensationsgierige Presse ihren Lesern Täter präsentieren will.

Es ist charakteristisch für eine Hexenjagd, dass es auf solche juristischen Feinheiten gar nicht mehr ankommt. Bei einer Hexenjagd genügt allein der Verdacht, Fakten sind vollkommen irrelevant. Wir sollten eigentlich aus der Geschichte gelernt haben, wohin das führen kann. Vielleicht kommt man langsam zur Besinnung, wenn nunmehr auch die Urheber von "MeToo" unsanft von ihrem moralischen Sockel heruntergestoßen werden. Die Hysterie, die "MeToo" auslöste, richtet sich inzwischen gegen sie selbst. Das überzeugt womöglich manche, wie falsch das bisherige Vorgehen war.

Bitte nicht missverstehen: Die Diskussion war und ist wichtig, schauderhafte Zustände müssen beseitigt werden. Aber der Zweck heiligt niemals die Mittel.

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[1] Spiegel-Online vom 27.08.2018
[2] Der Freitag, Ausgabe 25/2018