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03. September 2018, von Michael Schöfer
Was ist der Unterschied zwischen autoritär und rassistisch?


Die furchtbarsten Dinge werden ja bisweilen, zumindest zu Beginn, sträflich unterschätzt: "Was ist denn so schlimm an den rechtsgerichteten Regierungen in Polen und Ungarn? Dass sie die Freiheit einschränken? Ach, Papperlapapp, das ist den meisten Menschen ohnehin egal, die haben andere Sorgen. Außerdem, wenn man dort den Mund hält, kann einem nicht viel passieren. Das wird mit den Rechten in Deutschland bestimmt genauso sein. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird." Die Rechten halten in der Tat nicht viel von Pluralismus, Andersdenkenden würden sie am liebsten eine aufs Maul hauen (was sie bedauerlicherweise oft genug tun). Aber sie haben nicht bloß Probleme mit abweichenden Meinungen, sie sind darüber hinaus auch häufig rassistisch. "Ach, wo ist denn da der Unterschied?", werden Sie vielleicht fragen. Doch der Unterschied ist gewaltig.

Nehmen wir beispielsweise die Äußerung des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland über Aydan Özoguz, der ehemaligen Integrationsbeauftragten der Bundesregierung. Er empfahl 2017 in einer Wahlkampfrede, Özoguz in Anatolien zu "entsorgen". Trotz heftiger Kritik legte er nach: "'Ich bleibe dabei, wer solche Ansichten vertritt, hat in diesem Land nichts verloren', sagte der AfD-Spitzenkandidat der WELT. Er würde sich wünschen, 'dass Frau Özoguz dorthin zurückkehrt, wo sie offensichtlich besser aufgehoben ist'." [1]

Diese Argumentation ist meiner Meinung nach nicht bloß intolerant, sondern rassistisch. Es geht nämlich nicht nur darum, welche Ansichten Özoguz vertritt, sondern mindestens genauso um ihre Herkunft. Özoguz, die 1967 in Hamburg geboren wurde, deren Eltern aber vor 57 Jahren aus der Türkei kamen, ist und bleibt in den Augen Gaulands eine Fremde. Das muss - trotz deutscher Staatsbürgerschaft - eine Eigenschaft sein, die ihr scheinbar unauslöschlich anhaftet. Eine Meinung kann man ändern, notfalls den rechten Schreihälsen zustimmen, in autoritären Systemen mag das gelegentlich sogar helfen. Doch die Herkunft ist für Rassisten ein Makel, den man nie wieder loswird, selbst wenn man wollte. Einmal Türke, immer Türke. Daher wird Özoguz für Rassisten stets die "aus Anatolien" bleiben, egal welche Ansichten sie vertritt. Udo Lindenberg vertritt Ansichten, die Gauland gewiss ebenso wenig gefallen. Aber käme der AfD-Vorsitzende auf die Idee, den in Gronau/Westfalen geborenen Musiker in Anatolien zu entsorgen? Wohl kaum. Und warum nicht? Weil Udo Lindenbergs Eltern Hermine und Gustav hießen? Wäre Gaulands Äußerung frei von Rassismus, hätte er Özoguz dorthin zurückgeschickt, wo sie nun mal zweifelsfrei herkommt: nach Hamburg.

Nichts verdeutlicht diesen Rassismus besser als das, was früher auf der Website der verfassungsfeindlichen NPD stand: "Deutscher ist, wer deutscher Herkunft ist und damit in die ethnisch-kulturelle Gemeinschaft des deutschen Volkes hineingeboren wurde. (…) Ein Afrikaner, Asiate oder Orientale wird nie Deutscher werden können, weil die Verleihung bedruckten Papiers (eines BRD-Passes) ja nicht die biologischen Erbanlagen verändert, die für die Ausprägung körperlicher, geistiger und seelischer Merkmale von Einzelmenschen und Völkern verantwortlich sind. (…) Angehörige anderer Rassen bleiben deshalb körperlich, geistig und seelisch immer Fremdkörper, gleich wie lange sie in Deutschland leben, und mutieren durch die Verleihung bedruckten Papiers nicht zu germanischstämmigen Deutschen. (…) Deutsch ist eine ethnische Herkunftsbezeichnung und keine Bezeichnung des momentanen Wohnortes oder des Passes." [2]

Es ist deshalb vollkommen nutzlos, sich den Rechten zu beugen und den Mund zu halten, denn wer nach der Definition der Rassisten ein Fremder ist, kann tun oder lassen was er will - er wird nie dazugehören. Folglich muss jeder, der hierzulande einen "Migrationshintergrund" attestiert bekommt, von den Rechten das Schlimmste befürchten, selbst wenn er in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Denn das ist etwas, das er nach deren Ansicht gar nicht ablegen kann. "Nicht abwaschbar", steht auf seinem unsichtbaren Etikett. Wie die Geschichte gezeigt hat, ist die Einteilung in "fremd" und "autochthon" (alteingesessen, einheimisch) extrem gefährlich. Viel gefährlicher als dumpfer Autoritarismus, dem es nur um die Unterdrückung von abweichenden Meinungen geht. Offiziell vertritt die AfD diesen kruden Rassismus à la NPD nicht. Jedenfalls noch nicht. Aber sie ist nah dran. Und sie hat, wie Chemnitz hinreichend belegt, keine Probleme damit, Seit' an Seit' mit Rassisten zu demonstrieren. Doch damit wird deutlich, wo sie steht.

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[1] Die Welt-Online vom 28.08.2017
[2] NPD, Wer ist denn ein Deutscher? Was versteht die NPD unter "Volk"? (Hinweis: Heute steht dort eine entschärfte Fassung, die aber im Wesentlichen das Gleiche aussagt.)