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20. Februar 2020, von Michael Schöfer
Beschwert euch nicht über die amerikanischen Waffennarren


Beschwert euch nicht über die Amerikaner und ihr neurotisches Verhältnis zu Waffen. Was dem Ami seine AR-15, ist dem Deutschen - Stichwort: Tempolimit - sein Heiligs Blechle. Oder eben sein Sportschütze. Ich habe mich hier schon mehrfach mit Sportschützen befasst, etwa 2010 (Immer diese Sportschützen) bzw. 2015 (Schon wieder ein Sportschütze), und ihren Zugang zu Schusswaffen beklagt. Nicht ohne Grund, denn die Liste der Opfer, die durch Sportwaffen ums Leben kamen, ist recht lang. Geändert hat das bislang nichts, die Politik empört sich zwar immer wieder über Massaker, die von Sportschützen begangen werden, traut sich aber nicht, etwas gegen sie zu tun. Im Gegenteil, auf meine Artikel hin bekam ich E-Mails von empörten Sportschützen, die sich beleidigt und verunglimpft fühlten.

Die Untätigkeit der Politik hat entsprechende Folgen: Der vermutlich aus rassistischen Motiven begangene Mordversuch im Juli 2019 in Wächtersbach? Täter: ein Sportschütze! Der sechsfache Mord im Januar 2020 in Rot am See? Täter: ein Sportschütze! Der Mörder von Hanau, der zehn Menschen auf dem Gewissen hat? Täter: ein Sportschütze! Roman Grafe, Sprecher der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!", hat vollkommen recht: "Extremisten kommen als Sportschützen problemlos an Waffen. Deutsches Waffengesetz ermöglicht Morde. Waffenlobby bekämpft wirksame Waffenrechts-Verschärfungen seit Jahrzehnten. (…) Das Risiko tödlicher Sportwaffen ist unbeherrschbar. Wo tödliche Risiken nicht beherrschbar sind, müssen Verbote ausgesprochen werden." [1]

Die Beißreflexe der Sportschützen-Unterstützer funktionieren allerdings tadellos. Obgleich immer wieder auch Polizeibeamte durch Sportschützen getötet werden, zum Beispiel 2016 in Georgensgmünd (ein toter SEK-Beamter und drei verletzte Polizisten), warnt Rainer Wendt, der rechtskonservative Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) selbst nach dem 10-fachen Mord von Hanau: "Weil der mutmaßliche Täter wohl Sportschütze war, darf das nicht dazu führen, nun alle Sportschützen unter Generalverdacht zu stellen." [2] Zwar schreibt er pflichtschuldig: "Unsere Gedanken sind in diesen Stunden bei den Opfern und ihren Angehörigen." Aber dazu, dass er quasi im gleichen Atemzug vor einem Generalverdacht gegen die Sportschützen warnt, gehört schon ziemlich viel Chuzpe. Da fehlen einem fast die Worte. Die Sorge um das Wohlergehen der Sportschützen ist vollkommen unangebracht, sie ist vielmehr deplatziert und absolut geschmacklos.

Weil sich die Sportschützen in Deutschland auf solche Beschützer verlassen können, ist das nächste Massaker bereits vorprogrammiert. Die nachfolgende scheinheilige Empörung ebenso. Was nützt es, wenn Politiker nun zum x-ten Mal zum "Aufstand der Anständigen" gegen den Rechtsextremismus aufrufen, die Rechtsextremisten aber weiterhin keinerlei Probleme haben, sich in Schützenvereinen mit den für ihre dunklen Absichten notwendigen Waffen zu versorgen? Deshalb gibt es m.E. nur eine Konsequenz: Die Sportschützen gehören entwaffnet. Das Herumdoktern am Waffenrecht hat sich als nutzloses Placebo erwiesen, die Politik wollte damit lediglich die Bürger beruhigen. Wie lange wollen wir das noch tolerieren? Beschwert euch daher nicht über die amerikanischen Waffennarren, sondern kehrt endlich einmal vor der eigenen Haustür!

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[1] www.sportmordwaffen.de, Presseerklärung vom 20.02.2020, PDF-Datei mit 91 KB
[2] Deutsche Polizeigewerkschaft vom 20.02.2020