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09. März 2020, von Michael Schöfer
Kakophonie


Früher, in den paradiesischen Zeiten bevor uns das Internet in eine heillose Konfusion stürzte, die bloß mit der babylonischen Sprachverwirrung vergleichbar ist, hatte man eine einzige Tageszeitung. Allenfalls zwei (eine regional, eine überregional). Und natürlich noch die altehrwürdige Tagesschau. Jedenfalls blieb uns die derzeit vorherrschende Kakophonie weitgehend erspart, weil wir sie nicht zur Kenntnis nahmen bzw. mangels Technik gar nicht zur Kenntnis nehmen konnten. Mit anderen Worten: Die Informationen wurden wirksam gefiltert. Doch in Zeiten, in denen selbst die abgeschiedensten Länder nur noch einen Mausklick entfernt sind, gilt das nicht mehr. Heute leiden wir unter einer Informationsflut. Ach was, wir sind mit einem wahren Informations-Tsunami konfrontiert. Ob das langfristig ein Segen oder ein Fluch ist, muss sich erst noch zeigen.

Corona ist diesbezüglich das beste Beispiel. Die Bundesbürger sind bislang wegen des neuen Virus kaum beunruhigt und sehen das Ganze überwiegend gelassen. Laut Umfrage machen sich nur sechs Prozent der Befragten "sehr große Sorgen" wegen einer möglichen Ansteckung, weitere 17 Prozent machen sich "große Sorgen". Bei 76 Prozent hingegen sind die Sorgen "weniger groß" oder sogar "klein". [1] Angesichts dessen wundert man sich schon, woher die Panikstimmung kommt, die die Medien zu erkennen glauben. Wird sie vielleicht von den Medien selbst geschürt? Oder von den Politikern, die sich nicht vorwerfen lassen wollen, untätig geblieben zu sein?

Italien hat etliche Provinzen unter Quarantäne gestellt, davon sind insgesamt 16 Mio. Menschen betroffen. Keiner darf rein, keiner darf raus. Das erschien notwendig, immerhin ist Italien in Europa das Land mit den meisten Coronatoten (aktueller Stand am 8. März nach Angaben der WHO: 366). Allerdings liest man dann in der Süddeutschen, dass "das Durchschnittsalter der Verstorbenen bei 81 Jahren [liegt]. Männer zwischen 80 und 100 seien die anfälligste Bevölkerungsgruppe. Nur zwei Prozent der Opfer allerdings seien vor der Ansteckung gesund gewesen (...). Alle anderen litten zu diesem Zeitpunkt bereits schwer an Herz- und Lungenproblemen." [2]

Banale Erkenntnis: Männer zwischen 80 und 100 sind anfällig für Krankheiten. Zwar ist jeder Einzelfall bedauerlich, aber in diesem Alter muss man naturgemäß ohnehin jederzeit mit dem Tod rechnen. Mein Gott, Menschen sterben nun mal recht häufig im Alter zwischen 80 und 100. Ganz unabhängig von Corona. Vor allem wenn sie bereits gesundheitliche Probleme haben und eine Infektion hinzukommt. Das ist in jeder Grippesaison genauso. Doch bislang war das kein Grund zur Panik und kein Anlass zu solch drastischen Maßnahmen. Noch einmal zur Erinnerung: Bei der außergewöhnlich starken Grippewelle 2017/18 starben allein in Deutschland nach Angaben des Robert-Koch-Instituts rund 25.100 Menschen. [3]

Nun kommt die eingangs erwähnte Konfusion ins Spiel, denn woran soll sich der Normalbürger orientieren? An Ärzten, die Corona für gefährlicher als die Grippe halten, das Ausmaß derzeit aber noch nicht richtig einschätzen können? [4] Oder an Ärzten, die "Alles nicht so schlimm" sagen, Corona liege auf dem Niveau einer Grippeepidemie? [5] Die einen legen jetzt großen Wert auf Handhygiene, die anderen halten sie für nachrangig, weil 90 Prozent der Infektionen über Tröpfcheninfektionen erfolgen sollen. Da nützt Handhygiene, auch wenn sie generell sinnvoll ist, wenig. Im Internet findet man zu jeder Meinung irgendeinen Experten, dessen Expertise jedoch für Laien nicht ersichtlich ist.

Der Höhepunkt der Ausbreitung von Corona sei noch nicht erreicht, und man wolle den Zeitpunkt so lange wie möglich hinauszögern. Das ist eine rational nachvollziehbare Strategie. Sollte allerdings die Zahl der Infizierten weiterhin exponentiell ansteigen, machen die drastischen Maßnahmen irgendwann keinen Sinn mehr. Überspitzt formuliert: Man kann nicht die eine Hälfte der Bevölkerung prophylaktisch in Quarantäne stecken, um die andere Hälfte vor der Ansteckung schützen zu wollen. Nicht wegen einem vergleichsweise harmlosen Erreger, Corona ist schließlich nicht Ebola. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird man sich bloß noch auf die Bekämpfung der durch Corona ausgelösten Erkrankungen konzentrieren müssen. Die Ausbreitung des Virus ist dann vernachlässigbar. Und man kann nur hoffen, dass es von alleine wieder verschwindet.

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[1] tagesschau.de vom 05.03.2020, ARD DeutschlandTrend
[2] Süddeutsche vom 08.03.2020
[3] Robert-Koch-Institut, Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2018/19, PDF-Datei mit 7,6 MB
[4] t-online.de vom 08.03.2020
[5] watson vom 09.03.2020