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07. August 2020, von Michael Schöfer
Aufatmen können wir erst am 20. Januar 2021


Ich möchte vorausschicken, dass ich weder Psychologe bin noch auf dem Gebiet der Psychologie über spezielle Kenntnisse verfüge. Meine nachfolgenden Aussagen stützen sich lediglich auf Erläuterungen, die ich im Netz gefunden habe. Doch schon allein die reichen aus, um die schlimmsten Befürchtungen zu hegen.

Für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung gibt es fünf Kriterien: "Die Betroffenen haben ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, sie verlangen nach übermäßiger Bewunderung, sie idealisieren sich selbst und sind stark von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz oder Schönheit eingenommen. Sie glauben von sich, besonders und einzigartig zu sein und nur von anderen außergewöhnlichen oder angesehenen Personen oder Institutionen verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können. Darüber hinaus zeigen sie ein offensives Anspruchsdenken und erwarten, bevorzugt behandelt zu werden." [1]

"Aus diesem erhöhten Selbstkonzept entsteht jedoch für Betroffene eine permanente Bedrohung durch andere, die diese Selbstdarstellung in Frage stellen. Das Umfeld fordert früher oder später eine realistische Sichtweise der Wirklichkeit ein. Das drängt Narzissten in Erklärungsnot und führt fast zwangsläufig zu weiteren Rechtfertigungen, Konstruktionen oder auch Lügen. In dem Bestreben, die eigene Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten, geraten Betroffen oft in eine Art Teufelskreis, der einen permanenten Druck ausübt und auch eine Eskalation zufolge haben kann." [2]

Charakteristisch für Narzissten sind mangelnde Empathie und Egozentrismus. "Kritik an ihrer Person, Zweifel oder auch Zurückweisung erleben sie als extrem kränkend und schmerzlich." [3] Wir alle glauben eine Person zu kennen, auf die das zutrifft wie die Faust aufs Auge: US-Präsident Donald Trump.

Narzissten sind stark suizidgefährdet, es kann also durchaus passieren, dass Trump nach der schon absehbaren Wahlniederlage bei der Präsidentschaftswahl am 3. November 2020 in eine tiefe Depression verfällt. Da Narzissten aber auch anderen gegenüber aggressiv sein können, stellen ihre aus Kränkungen resultierenden Wutanfälle eine Gefahr für die Gesellschaft dar. Und für einen Narzissten kann man sich wohl kaum eine größere Kränkung vorstellen, als vom Wahlvolk mit dem Stimmzettel aus dem Weißen Haus vertrieben zu werden. Die Zurückweisung ist dann nämlich nicht bloß für ihn, sondern für alle offenkundig. Der totale Gesichtsverlust.

Mary Trump, Donald Trumps Nichte, ist eine promovierte klinische Psychologin. Für sie ist ihr Onkel "der gefährlichste Mann der Welt". Bei der Machtfülle eines US-Präsidenten ist dieses harte Urteil zweifelsohne berechtigt. Trump wird wahrscheinlich versuchen, sich den Wählerinnen und Wählern bis zum Wahltag als Retter aus dem Chaos zu präsentieren, das er selbst angerichtet hat. Das kann innen- und außenpolitisch noch zu schlimmen Auswüchsen führen.

Die größte Gefahr droht uns allerdings nach einer - Stand heute - keineswegs unrealistischen Wahlniederlage gegen Joe Biden. Der Wahlabend ist der Zeitpunkt der größten Kränkung, aber leider noch nicht der Zeitpunkt des Machtwechsels, denn die Amtsübergabe ist laut US-Verfassung auf den 20. Januar 2021 festgelegt. Fast drei Monate Zeit, sich für die - subjektiv empfundene - "schrecklichste Demütigung aller Zeiten" an der Gesellschaft zu rächen. Oder an einem Sündenbock - wer auch immer das sein mag. Was den Machtwechsel angeht ist die Frage, ob Donald Trump nach einer Wahlniederlage freiwillig aus dem Weißen Haus ausziehen wird, geradezu eine Petitesse.

In dieser kritischen Phase kommt es vor allem auf das unmittelbare Umfeld des Präsidenten an. Würden Vizepräsident Mike Pence, Außenminister Mike Pompeo oder Verteidigungsminister Mark Esper einen Krieg, den sich Trump in den letzten Tagen seiner Amtszeit zu beginnen anschickt, aktiv verhindern? Könnten sie es überhaupt? Würden sich die US-Streitkräfte entsprechenden Befehlen ihres Oberbefehlshabers verweigern? Immerhin hat der Präsident die Befehlsgewalt über das zweitgrößte Atomwaffenarsenal der Erde (über das größte verfügt Russland). Wer stellt sich einem endgültig verrückt gewordenen Trump konkret entgegen?

Narzissmus ist nicht heilbar, deshalb sollten wir uns diesbezüglich keinen Illusionen hingeben. Trump wird wohl kaum freiwillig eine Therapie beginnen, eher stürzt er das Land und die Welt ins Unglück. Kann sein, dass seine Amtszeit völlig unspektakulär zu Ende geht, weil sich Trump überraschenderweise in sein Schicksal fügt. Kann aber auch genauso gut sein, dass er dann völlig ausflippt. Auf den Trump, den wir bisher kennengelernt haben, trifft eher letzteres zu. Aufatmen können wir erst, wenn Joe Biden am 20. Januar 2021 auf den Stufen des Kapitols vereidigt wird.

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[1] Marion Sonnenmoser, Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Erkrankung mit vielen Facetten, Ärzteblatt Dezember 2014
[2] Peter Falkai, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), www.psychiater-im-netz.org vom 20.06.2016
[3] Sabine Herpertz, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), www.psychiater-im-netz.org vom 09.01.2018