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10. Februar 2021, von Michael Schöfer
Autoritäres Viagra für die impotente Demokratie


Was ist bloß los mit der Süddeutschen? Über die SZ muss man leider immer häufiger den Kopf schütteln. So durfte etwa der Schriftsteller Maxim Biller Anfang Dezember 2020 auf höchst fragwürdige Art und Weise die Kabarettistin Lisa Eckart niedermachen, bloß weil diese zu seinem großen Verdruss beim ZDF ins "Literarische Quartett" eingeladen wurde. Egal, wie man zur Österreicherin und ihren ebenso gewagten wie umstrittenen Texten stehen mag, in seiner Philippika war sich Biller jedenfalls nicht zu schade, bei seiner "Argumentation" auf den unteren Sprossen der Niveauleiter zu verharren (im Grunde genau das, was er Eckart vorwarf). Da mutierte zum Beispiel Eckarts Frisur zur "sehr, sehr blonden HJ-Frisur", sie versprühe "mit ihrem Nazi-Domina-Look und ihrem herablassenden, nasalen Offiziersmessen-Ton nicht gerade den Charme und die Menschlichkeit von Barbra Streisand, Clarice Lispector oder Ruth Klüger". [1] Der Antisemitismusverdacht schwebte über allem. Von Kurt Tucholsky ("Satire muß übertreiben" und "der Satiriker kann nicht wägen - er muß schlagen") keine Spur.

Der Musikkritiker Helmut Mauró zeigte sich in der Süddeutschen unzufrieden mit dem Pianisten Igor Levit. Das wäre an und für sich legitim gewesen, die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Doch warum musste seine Unzufriedenheit in persönliche Angriffe abgleiten? Levit sei "auf Twitter nicht mehr zu entkommen", moserte Mauró. Er unterstellte dem jüdischen Künstler, eine "Opferanspruchsideologie" zu vertreten. Echt, kein Scherz! Wie peinlich. Levits politisches Engagement gegen rechts und seine mediale Dauerpräsenz sollen von seinem angeblich nicht hinreichenden Klavierspiel ablenken. Ist es wirklich unverständlich, wenn sich Levit angesichts der wiederholten antisemitischen Angriffe in Deutschland müde und wütend fühlt? [2] Hätte sich der Musikkritiker doch bloß auf die Kritik an Levits Klavierspiel beschränkt, aber dazu fehlte es ihm offenbar an ausreichenden Argumenten. Da viele Leserinnen und Leser den Text völlig daneben fanden, hat sich die Chefredaktion bei Igor Levit sogar öffentlich entschuldigt. [3]

Nun kommt zu alldem auch noch der Gastbeitrag von Thomas Brussig hinzu. Es ist schon kurios, wenn der Schriftsteller in der Süddeutschen empfiehlt, die Demokratie ausgerechnet durch ihre temporäre Abschaffung zu retten. "Mehr Diktatur wagen" sei vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie das Gebot der Stunde. Während "der effektive Pandemiebekämpfer (...) auf der Höhe der Forschung" sein muss, muss "der demokratische Pandemiebekämpfer (…) eine Mehrheit gewinnen", was Brussig als "Impotenz der Demokratie" bezeichnet. Da er China attestiert, dass das autoritär verfasste Land "das Virus schnell loswurde und die zweite Welle rasch zum Erliegen brachte", ist für ihn die daraus resultierende logische Konsequenz die Forderung nach diktatorischen Verhältnissen. Sozusagen autoritäres Viagra für die impotente Demokratie. Brussig mokiert sich: "Die Demokratie sollte ihre Rituale und Umständlichkeiten nicht so wichtig nehmen." [4] Leider keine Satire, sondern anscheinend ernst gemeint.

Aber ist es nicht die Stärke der Demokratie, auch in einer Krise an den Grundrechten festzuhalten? Gerade dann! Von der prinzipiellen Rechtswidrigkeit einer Diktatur ganz zu schweigen. Schon mal was von der Grundrechtecharta der Europäischen Union gehört, Herr Brussig? Und von der Ewigkeitsklausel des Grundgesetzes? Wie sich der Schriftsteller die von ihm geforderte Diktatur konkret vorstellt, bleibt er uns im Übrigen schuldig. Drakonische Strafen für Andersdenkende? Lager für Widerspenstige? Pressezensur, Entmachtung der Parlamente, Gleichschaltung der Justiz? Mauern und Stacheldraht an den Grenzen? Das sind schließlich alles bekannte Instrumente von Diktaturen, wie wir sie andernorts erleben. Von den despektierlich "Umständlichkeiten" genannten Errungenschaften der Demokratie (Rechtsstaat, freie Wahlen, Redefreiheit etc.) hätten die Hongkonger Bürger und die Uiguren in Xinjiang gewiss gerne mehr anstatt weniger. Doch Thomas Brussig liegt da ganz auf der Linie von Xi Jinping: nicht so wichtig. Unglaublich.

Ich bin ehrlich gesagt entsetzt, so etwas in der Süddeutschen lesen zu müssen. Dass das Blatt diesem autoritären, undemokratischen Reflex Raum gibt, ist verwunderlich. Doch in letzter Zeit muss man sich ohnehin öfter über die größte Tageszeitung Deutschlands wundern. Wohin soll das führen?

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[1] Süddeutsche vom 03.12.2020, Die Truppenbetreuerin beim ZDF, Printausgabe Seite 27, online nicht verfügbar (Paywall)
[2] Süddeutsche vom 16.10.2020, Igor Levit ist müde
[3] Süddeutsche vom 20.10.2020
[4] Süddeutsche vom 09.02.2021, Mehr Diktatur wagen, Printausgabe Seite 9, online nicht verfügbar (Paywall)