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15. November 2021, von Michael Schöfer
Das grausame Spiel der Evolution


Die Evolution ist mitleidlos und brutal, aber phänomenal effektiv. Wer sich nicht anpasst, wird kurzerhand ausgemerzt. Nur die überleben, die dafür am besten geeignet sind. Survival of the Fittest eben. Naturromantik ist so gesehen bloß ein Synonym für Naivität. Durch diesen Ausleseprozess hat es das Leben immerhin von der Amöbe bis zum Apollo-Astronaut gebracht. Ob das wirklich eine gute Idee war, scheinen allerdings manche zu bezweifeln. Doch wie dem auch sei, gerade in Bezug auf die Mechanismen der Evolution existieren noch immer viel zu viele Missverständnisse. So bedeutet etwa "Survival of the Fittest" keineswegs das "Überleben des Stärkeren", vielmehr das Überleben derjenigen, die an die Bedingungen ihrer jeweiligen ökologischen Nische besonders gut angepasst sind und deshalb einen Überlebensvorteil genießen, den sie an ihre Nachkommen weitergeben. Grob gesagt: Intelligenz ist besser als Bizeps - selbst wenn Hollywoods Leinwandhelden das Gegenteil suggerieren. Durch diesen natürlichen Mechanismus verändern sich allmählich die Spezies, entwickeln im Laufe der Zeit neue Fähigkeiten, hauptsächlich beim Nahrungserwerb oder der Wehrhaftigkeit.

Dabei findet die Auslese gar nicht, wie landläufig angenommen wird, zwischen Jäger und Beute statt, sondern vorrangig zwischen Jäger und Jäger bzw. Beute und Beute. Wenn zum Beispiel ein Steinadler ein Murmeltier schlägt, konkurriert der Steinadler evolutionär betrachtet nicht mit dem Murmeltier, sondern mit anderen Steinadlern. Die Steinadler, die bei der Futtersuche durch raffinierte Jagdtechniken einen Tick erfolgreicher sind, haben bessere Überlebenschancen als Steinadler, die sich dabei ein bisschen unkreativer anstellen. Das vorsichtige Murmeltier wiederum hat bessere Überlebenschancen als andere, weniger vorsichtigere Murmeltiere. Wenn junge Murmeltiermännchen ihren Murmeltierweibchen mit pubertärer Risikobereitschaft imponieren wollen, ist die nächste Mahlzeit des Steinadlers bereits gesichert. Leichtsinnige Murmeltiere sterben früh und haben demzufolge seltener Nachkommen.

Im Grunde funktioniert die aktuelle Corona-Pandemie genauso. SARS-CoV-2 konkurriert evolutionär betrachtet nicht mit dem Homo sapiens, sondern primär mit seinesgleichen. Der Mensch ist für SARS-CoV-2 nur eine Brutmaschine. Da Viren, die sich rascher vermehren, einen Überlebensvorteil genießen, kämpfen wir momentan mit der wesentlich infektiöseren Delta-Variante. Beim Homo sapiens indes konkurriert der an der Wissenschaft orientierte Zeitgenosse mit den sogenannten Querdenkern und Schwurblern. Ja, auch hier waltet die Evolution betont mitleidlos: Diejenigen, die sich impfen lassen, haben nachweislich bessere Überlebenschancen, die Ungeimpften dagegen füllen die Intensivstationen und Friedhöfe. Das ist lediglich eine nüchterne Zustandsbeschreibung. Wäre SARS-CoV-2 tödlicher, könnte sich das bei der Evolution des Menschen durchaus bemerkbar machen, Querdenker und Schwurbler würden vielleicht sogar ganz aussterben.

Der Darwin Award ist ein sarkastischer Negativpreis, er wird alljährlich an Menschen vergeben, "die sich selbstverschuldet töten, tödlich verunfallen oder selbst unfruchtbar machen und dabei ein besonderes Maß an Dummheit zeigen" (Wikipedia). Die Frage, wer unserer Spezies den Darwin Award verleiht, wenn wir uns durch den selbstverursachten Klimawandel eigenhändig in den Orkus der Geschichte schießen, ist freilich noch ungeklärt. Wie wir sehen, sind noch längst nicht alle Rätsel der Evolution geklärt.