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24. August 2022, von Michael Schöfer
Die Linke tut sich damit keinen Gefallen


Früher, in der nur scheinbar guten alten Zeit, wurde seitens der Obrigkeit oder der Kirche mit Argusaugen darauf geachtet, was die Menschen lesen durften und was nicht. Der Index librorum prohibitorum beispielsweise war ein Verzeichnis von Büchern, deren Lektüre die römisch-katholische Kirche als schwere Sünde deklarierte und der bis Mitte der sechziger Jahre fortgeführt wurde. Bis Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts wohlgemerkt. Der Kirche fehlte es zuletzt nur an Macht, der Gesellschaft ihre engstirnigen und freiheitseinschränkenden Vorstellungen aufzuzwingen. Totalitäre politische Systeme begrenzen bis heute den Zugang zu Informationen, berühmt-berüchtigt ist etwa Chinas "Great Firewall". Sie zensieren das Internet, das Fernsehen, die Zeitungen und selbstverständlich auch die Bücher. "Krieg" darf in Putins Russland unter Androhung von langen Haftstrafen nicht mehr Krieg, sondern nur noch "militärische Spezialoperation" genannt werden.

Kurioserweise werden im angeblich so liberalen Westen neuerdings erneut Schriften zensiert, allerdings nicht von der Obrigkeit, dieser Wunsch kommt vielmehr von sich selbst als fortschrittlich bezeichnenden Strömungen auf der linken Seite des politischen Spektrums. Zuletzt nahm der Ravensburger Verlag nach Protesten mehrere Winnetou-Kinderbücher aus dem Programm. Der Verlag habe, wie er zur Begründung ausführte, "mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt", wofür er sich entschuldigte. Das Kinderbuch, so monieren seine Kritiker, verbreite "rassistische Stereotype" und verfälsche das Leben der indigenen Bevölkerung Amerikas. [1]

Doch es trifft nicht nur Kinderbücher, so wird an britischen Unis mittlerweile sogar schon Shakespeare in Frage gestellt. [2] Diese Vorgehensweise trägt den Charakter einer Kulturrevolution und wird verheerende Folgen haben. Diese Kulturrevolution, die Anspielung auf die Vorgänge im China Mao Zedongs ist beabsichtigt, beginnt freilich erst, und am Ende wird man kein Werk mehr lesen können, wenn es irgendwem aus welchen Gründen auch immer missfällt. Verallgemeinert man nämlich den Maßstab, den die Kritiker an Karl May anlegen, müsste man die halbe Weltliteratur aussortieren. Verbreitet Jane Austen in ihren Büchern nicht veraltete Klischees über die Rolle der Frau? Ich bitte Sie, fort damit! Motto: Wen man schon in frühester Kindheit gar nicht erst auf falsche Gedanken bringt, muss man später nicht mühsam umerziehen.

Diese "Wokeness" und die damit verbundene "Cancel Culture" sind hochgefährlich, weil sie den Kern der liberalen Demokratie angreifen: die Freiheit, sich zu ohne Einschränkung informieren, und die Freiheit, unzensiert seine Meinung kundzutun. Und da sich diese Ideologie inzwischen bis in den Wissenschaftsbetrieb hinein erstreckt (Stichwort: Geschlechtsidentität), steht unser gesamtes, auf der Ratio basierendes Erkenntnissystem zur Disposition. Wehe uns, wenn das, was wir wissenschaftlich solide begründen können, aus gesellschaftspolitischen Erwägungen heraus nicht mehr geäußert werden darf. Dann steht die Freiheit der Wissenschaft auf dem Spiel.

Das politische Spektrum links der Mitte tut sich damit keinen gefallen, schon allein deshalb, weil es den Feinden der liberalen Demokratie, die aus ihrem speziellen interpretatorischen Blickwinkel heraus die gleichen Methoden anwenden, völlig unnötig Munition liefert. Aber die Gesellschaft wird durch "Wokeness" und "Cancel Culture" auch ärmer. Früher dachte man, dass sich die Kulturen gegenseitig bereichern, doch irgendwann wurde daraus die verpönte "kulturelle Aneignung", die diese Bereicherung unterbindet und unter Rassismusverdacht stellt. Natürlich ändert sich die Welt und man bewertet heute Dinge anders (d.h. kritischer) als vor hundert, zweihundert oder fünfhundert Jahren. Doch der "Wokeness" und "Cancel Culture" liegen nicht bloß andere Interpretationen zugrunde, vielmehr ist beabsichtigt, mit ihrer Hilfe gleich die ganze Debatte darüber zu verhindern. Außer der angeblich "modernen" Sichtweise soll nichts mehr erörtert werden dürfen. Es geht also letztlich um die Wahl zwischen Freiheit und Denkverboten.

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[1] Spiegel-Online vom 23.08.2022
[2] Der Standard vom 23.08.2022