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09. September 2022, von Michael Schöfer
Was Propaganda zu leisten vermag


De mortuis nil nisi bene - von Verstorbenen soll man nur Gutes sagen. Deshalb wird hier auch kein böses Wort über die im Alter von 96 Jahren verstorbene Elisabeth II. fallen. Wie Elizabeth Alexandra Mary Mountbatten-Windsor wirklich war, wissen ohnehin nur wenige Eingeweihte, die meisten kennen nämlich nur ihre offizielle Seite - so, wie sie die Propaganda präsentierte. Und es ist erstaunlich, was Propaganda zu leisten vermag.

Es galt als unschicklich, die Queen von sich aus anzureden. Man hatte gefälligst zu warten, bis sie die Unterhaltung begann. Hofetikette. Wie weit sich das Leben der Royals von dem der Normalbürger unterscheidet, belegte etwa der "Skandal" um Meghan Markle, als sie sich erdreistete, bei einem offiziellen Termin nach dem Aussteigen die Tür ihrer Limousine selbst zu schließen. Die Boulevardpresse schrieb, die Herzogin von Sussex habe dadurch viele Briten "schockiert". Total bescheuert.

Obgleich Elizabeth Mountbatten-Windsor von Beginn an ein absolut privilegiertes Leben führte, wird jetzt überall ihre vorbildliche Pflichterfüllung hervorgehoben. "Elizabeth II. - ein Leben voller Pflichten und Disziplin", schreibt beispielsweise das ZDF. "Ihr Dienst für die Monarchie hatte stets Vorrang vor allen persönlichen Befindlichkeiten." [1] Woher weiß das ZDF das so genau? Das ist doch bloß das Image, das die Propaganda von ihr vermittelte: das königliche Leben als nahezu übermenschliche Last darzustellen. Und das ZDF strickt daran fleißig mit. Die Altenpflegerin, die jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht und sich bei Wind und Wetter auf den Weg zur Arbeit macht, ist sicherlich nicht weniger pflichtbewusst und diszipliniert. Sie wird allerdings kaum gewürdigt und verdient definitiv viel weniger Geld. Wahrscheinlich sind die britischen Altenpflegerinnen für die Nation sogar viel wichtiger. Elisabeth II. diente dem United Kingdom lediglich als Identifikationspunkt: God save the Queen! Politisch durfte sie sich nicht äußern, war vielmehr auf subtile Hinweise beschränkt (ihr blau-gelber Hut bei der Thronrede 2017 wurde etwa als Bekenntnis zu Europa und gegen den Brexit gedeutet).

Das Privatvermögen der Verstorbenen wird auf 423 Mio. Euro geschätzt, schon allein aufgrund ihrer qua Geburt herausgehobenen Stellung hatte sie nicht allzu viel mit dem Durchschnittsbriten gemein. Sie soziale Kluft könnte also kaum größer sein. Dennoch empfinden nun viele so, als hätten sie eine nahe Verwandte verloren, drücken tränenreich ihre Trauer aus und legen Blumen vor dem Buckingham Palace nieder. Betroffenheitssülze, wie sie uns schon bei Diana Spencer begegnete. Wenn das Volk gerührt mit dem Union Jack wedelt, kann das Establishment ruhiger schlafen. Faktisch ist Großbritannien noch immer eine Klassengesellschaft, doch der monarchistische Gefühlsüberschwang und die damit verbundene Reminiszenz an die glorreiche Vergangenheit des Empires lenken eben von der bedrückenden sozialen Realität ab. London zu teuer für den Normalverdiener? Ja, aber die Queen hatte es auch nicht leicht.

Propaganda vermag, dass wir "Führern" hinterherrennen - und sei es bis in den kollektiven Untergang hinein. Propaganda vermag, dass wir uns mit Majestäten identifizieren, die vielleicht hinter den Palastmauern über den "Pöbel" vor der Tür nur dünkelhaft die Nase rümpfen. Propaganda vermag, aus Feiglingen Helden zu machen und charakterschwache Menschen als herausragende Persönlichkeiten hinzustellen. Wir sehen lediglich die Fassade - das, was wir sehen sollen. Über die unangenehme Wahrheit hüllt man geflissentlich den Mantel des Schweigens.

Alles ist nur ein bewusst erzeugtes Image, alles ist nur zielgerichtete Zweckpropaganda. Wir glauben etwas zu kennen, aber in Wahrheit wissen wir nichts. Das echte Leben berühmter Menschen findet heimlich statt, sorgsam abgeschottet von der Öffentlichkeit. Der Informationsfluss steht wenn irgend möglich vollständig unter ihrer Kontrolle. Und das hat seinen Grund, denn das Leben berühmter Menschen ist mitunter genauso banal wie das unsrige, auch sie machen - wie jeder andere - peinliche Fehler und haben gelegentlich sogar dunkle Seiten. Bei der Propaganda geht es denn auch nicht um eine bestimmte Person, sondern stets um die Funktion im Gesamtgefüge. So werden beispielsweise Majestäten grundsätzlich idealisiert, weil eine Monarchie ihre Berechtigung verliert, sollten sich Majestäten wie Lieschen Müller benehmen. Propaganda ist daher nichts anderes als eine große Lüge.

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[1] ZDF vom 08.09.2022